Texte Advent: Weihnachtsbräuche
in der Obersteiermark von
Martha Wölger

ie erste Kerze, die wir am Adventkranz entzünden, eröffnet den Reigen weihnachtlichen Brauchtums, das hinführen soll zu stiller Besinnung und weihnachtlicher Freude. Aus dem ländlichen Raum, aus der bäuerlichen Familie ging das Brauchtum hervor, das den Jahreskranz mit bunten Blüten durchflocht. Es wurde bewahrt und weitergegeben durch die Jahrhunderte. Manches wurde von der Hast und Unruhe unserer Zeit verschüttet, vieles hat in dem veränderten Leben seinen Sinn verloren. Aber in den Bergtälern unserer obersteirischen Heimat hat sich manch alter Brauch erhalten, auch Gutes, Neues ist hinzugekommen. Mag die Umwelt und das Leben auch verändert sein, immer gleich bleibt der Mensch in seinem Hoffen und Wünschen, seinen Sehnsüchten und Befürchtungen.

er Adventkranz ist wohl erst in den letzten Jahrzehnten (geschrieben ca. 1960 Anm.d.Admin.) bei uns heimisch geworden, aber er ist dem Landvolk wie dem Städter gleich lieb geworden. Im stillen Schein seiner Kerzen findet sich die Familie noch am ehesten zusammen und vereint sie das erste Licht nur zu einem Augenblick der Stille, klingt vielleicht beim zweiten bereits ein gemeinsames Lied auf. Beim dritten kommt es vielleicht zu einem guten Gespräch, von dem man erst jetzt weiß, wie nötig es war. Und wenn am letzten Sonntag vor dem Fest alle vier Kerzen brennen, kann Weihnachten werden, weil wir einander näher gekommen sind.

chon der Beginn des Christmonats bringt den Sankt-Barbara-Tag, der früher von den Bergleuten festlich begangen wurde. Die Barbarafeiern haben sich bis in unsere Zeit erhalten. Wohl überall aber, wo es wilde Kirschbäume gibt, werden an diesem Tag die Barbarazweige geschnitten. Zieren zur Weihnacht Eisblumen die Fensterscheiben, werden die Kirschzweige im Tonkrug voll zarter, weißer Frühlingsblüten sein - manch jungem Herzen zu hoffnungsfrohem Orakel, jedem aber zur Freude, in der Zuversicht und dem Wissen, daß in den winterstarren Zweigen ein neuer Frühling schläft.

inen Tag später treiben Krampus, Bartl und Klaubauf ihr Unwesen, aber auch der sanfte, gütige Kinderfreund Sankt Nikolaus ist unterwegs, der die Kleinen belehrt und mahnt und sie mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen beschenkt. Viele Legenden ranken sich um die Gestalt dieses heiligen Bischofs, die ihn zum Schutzheiligen der Schiffer, Flößer und Holzarbeiter werden ließen. In einigen obersteirischen Orten werden alljährlich am Abend des 5. Dezember alte Nikolausspiele aufgeführt, die deutlich machen wollen, daß der Mensch von  bösen Mächten bedrängt, von guten, hilfreichen beschützt ist. In der Gegend um Mariazell und St. Lambrecht wird der Heilige noch auf besondere Art geehrt: Die Kinder basteln in den Tagen vor seinem Fest bunte Papierschifflein, verzieren sie mit einem gabenheischenden Spruch und bringen sie dann in der Dunkelheit des Nikolo-Abends heimlich in das Haus der Paten oder sonstiger gebefreudiger Verwandtschaft. Es läßt sich denken, daß dieser Gang just an dem Abend, wo die Gehörnten mit Rute, Kette und "Buttn" unterwegs sind, mit Gruseln und Herzklopfen verbunden ist. Aber welche Freude, wenn das Schiff im vorgesehenen Hafen eingefahren ist, ohne daß das Landungsmanöver bemerkt wurde! Am nächsten Morgen, wenn all der nächtliche Spuk vorbei ist, darf man vor die Gönner treten: "Bitt schön um mein Schifferl!" Und beladen mit süßer Fracht kehrt das Schiff zu seinem Eigentümer zurück.

m Adventkalender ist nun schon eine ganze Fensterreihe geöffnet, der "Adventfrauentag" (8.Dez.) vorbei; unsere liebe Frau geht auf Herbergsuche, ein Brauch, der in letzter Zeit eine erfreuliche Neubelebung erfahren hat. Ein Muttergottesbild wird allabendlich in ein anderes Haus getragen und die alten Lieder und Gebete wollen mahnen und bitten, Haus und Herz nicht vor der Not zu verschließen.

m Bauernhaus wird in diesen Tagen das würzige Kletzenbrot gebacken, dem in früherer Zeit segensreiche Wirkung zugeschrieben wurde. Kommt man in den Tagen um Weihnachten in ein Ennstaler Bauernhaus, wird man mit Kletzenbrot und einem Stamperl Selbstgebrannten bewirtet - und die Hausfrau gibt dem Gast noch einen "Schwartling", den knusprigen Anschnitt des Kletzenbrotlaibs, mit auf den Weg. Früher waren diese Schwartling den jungen Mädchen eine Liebesgabe für Burschen, denen sie gewogen waren. Umgekehrt ließen sich auch die Mädchen gern mit Kletzenbrot beschenken; gelang es ihnen, neunerlei Arten davon zusammenzubringen, durften sie hoffen, im folgenden Jahr zum Traualtar geführt zu werden.

ine Woche vor dem Fest beginnt das "Christkindl einläuten" - jeden Abend tragen die Glocken die Botschaft von der nahen Ankunft durch die Winternacht.

m 24. Dezember wird noch auf manchem Bauernhof ein mit Bändern geschmückter Fichtenwipfel auf einer Stange im Freien aufgestellt. Daran soll das Vieh sich "reiben", um gesund und fruchtbar zu bleiben.

rippe und Weihnachtsbaum bilden den Höhepunkt im Weihnachtsfestkreis. Im bäuerlichen Haushalt nimmt der Hausvater am Heiligen Abend die Glutpfann", eine eiserne Stielpfanne, die mit Glut aus dem Herde gefüllt und mit Wacholderzweigen und anderen, wohlriechenden Kräutern bestreut wird. Damit geht er betend und räuchernd durch alle Räume in Haus und Stall. Ein Familienmitglied begleitet ihn weihwassersprengend; alles Böse soll vom Hofe weichen und der Schutz und Segen des Himmels Familie, Vieh und Wohnstatt bewahren. Dieses "Räuchern" wird am Vorabend des Neujahrstages und am Abend vor dem Dreikönigstag wiederholt. Es sind die Rauchnächte oder Rauhnächte, in denen nach altem Glauben die unerlösten Seelen als wilde Jagd durch die Lüfte brausen, von bösen Dämonen gehetzt. Ausruhen dürfen sie nur auf Baumstrünken, in die der Holzknecht mit der Axt drei Kreuze geschlagen hat. Auch die Seelen der ungetauften Kinder ziehen in traurigem Zug unter Führung der "Perchtl" durch diese Nächte.

eim mitternächtlichen Gang zur Christmette sieht man zwar nicht mehr die Lichterkette der Pechfackeln, die den Mettenbesuchern die verschneiten Wege von den Höhen ins Tal erhellt haben; wir haben es heute leichter und bequemer. Aber immer noch erzählen Glockengeläute und die alten Weihnachtsweisen der Turmbläser vom großen Geschehen der stillen, heiligen Nacht.

Die Zeit is um, der Ring is ganz.
Die letzte Blüah in Joahr sein Kranz
is auf der eisign Fensterscheibn.
Hiaz, Hoamat, schlof! - Schneesterndl treibn
und hoamli klopft am Dach der Wind.
Die stille Weihnachtskirzn brinnt,
vom Tanngraß riachts und Kletznbrot.
Des Joahr woar guat, wir hom koa Not,
wos gschehgn hot müassn, es is tan -
pfiat Gott! - A neues Joahr ruckt an.