ergnot - Kapitel 1

enau genommen ist es ja kein Roman - denn es ist alles tatsächlich so geschehen und die Menschen, von denen ich erzählen will, haben gelebt, wenn ich ihnen auch einfachheitshalber andere Namen gebe. Und doch ein Roman - denn bekanntlich schreibt diese das Leben oft selber in einer Art, wie sie kein Dichter ersinnen könnte.

er Mann, von dem hier hauptsächlich die Rede sein wird, gehört zu den stillen Helden, die zu ihren Lebzeiten kaum beachtet wurden und die von ihrem Heldentum wohl selber keine Ahnung hatten. Er nahm den Tag, wie er war - nahm was er brachte und gab, was er forderte. Und daraus wuchs sein stilles, unbekanntes Heldentum. Die Welt hat ihm keinen Denkstein gesetzt - sein Name steht auch nicht in den Büchern, die von großen Männern künden. Und er selber legt wohl am wenigsten Wert darauf, in Stein gehauen oder in Büchern zu neuem Leben erweckt zu werden; er war sich darüber klar, daß er ein durch und durch nichtsnutziger Lump war - wer wird einen solchen wohl verewigen? Wo ihrer doch zu allen Zeiten und an allen Orten genügend unter den Lebenden herumlaufen!

rotzdem möchte ich seine Geschichte erzählen, getreu dem Bericht des Alten, der mir damit über einen verregneten Urlaub hinweggeholfen und mir darüber hinaus eine Menge besinnlicher Gedanken mit in den Alltag gegeben hat. Das Urteil möchte ich dem Leser überlassen - es steht ihm frei, den  "Engl" unter die Lumpen zu zählen oder ihm einen Ehrenplatz unter den Helden der Berge zu geben; letzten Endes ist der Richterspruch dem überlassen, der allein den Menschen in all seinen Unzulänglichkeiten ganz kennt. Er wird auch dem "Engl" ein gnädiger Richter sein.

ngefangen hat die Geschichte damit, daß an einem Pfingstsamstag ein junges, wanderlustiges Menschenkind mit schwerem Rucksack, leichtem Geldtaschl und den Kopf voll mit schönsten Urlaubsplänen im Wirtshaus von Johnsbach anlangte, um von da aus den Gesäusebergen auf die krummen, steinigen Buckel zu treten. Und wem das selber schon passiert ist, der kann ermessen, wie lang einem das Gesicht wird, wenn dann am Morgen die eben noch so schöne Welt einer triefenden, dampfenden Waschküche gleicht - noch dazu, wenn schon Wochen vorher ein Tag strahlender war als der andere, während man noch in stickiger Großstadtluft seiner Arbeit nachgehen mußte, die Tage bis zum Urlaub zählte und die täglichen Mahlzeiten von fünf auf drei reduzierte, um sich den schnöden Mammon zu beschaffen, der nun leider auch für die anspruchsloseste Bergfahrt nötig ist! Man kann und will es nun einmal nicht glauben, daß der Wettergott SO sein kann (gehässig oder gemein, wie mans nennen könnte, das traut man sich noch nicht einmal zu denken, um ihn ja nicht zu beleidigen), man hofft immer noch, er will einem bloß einen Streich spielen, um einen dann umso herrlicher zu belohnen . . .

ber das Rieseln an den Fensterscheiben und das gleichmäßige Gluckern in der Dachrinne hört nicht auf - die Ungeduld wandelt sich in ohnmächtige Wut und schließlich in trostlose Niedergeschlagenheit bei der Erkenntnis: der Urlaub ist futsch!

n solcher Gemütsverfassung bin ich mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die regennasse, nebelverhangene Gegend getrottet. Viel zu sehen gibts in Johnsbach nicht - und was man sehen möchte, die Berge, scheinen überhaupt nicht mehr da zu sein. So bin ich eigentlich ganz von selber und fast ohne es zu merken in den Bergsteigerfriedhof gelangt.

o still ist es hier - nur ab und zu knarrt eine Blechtafel an einem verwitterten Kreuzbalken. Aber das stört die Ruhe der stillen Schläfer nicht, die frohgemut ausgezogen sind, wenn der Berg im Sonnenglast gelockt und gerufen hat - und der sie dann von sich schleuderte und in Sekunden allem Streben ein jähes Ziel setzte...

on Kreuz zu Kreuz gehe ich langsam, bei jedem innehaltend, den Namen lesend, den immer wiederkehrenden Satz: "... in seinen Bergen verunglückt ... am Hochtor abgestürzt ... in seinen geliebten Bergen den Tod gefunden ...". Oh, ihr Berge! Wie grausam, wie unnahbar seid ihr! Leblose Steine? Woher dann die Kraft, uns in euren Bann zu ziehen, uns die reinsten Freuden zu schenken, ... und uns zu zermalmen - dass nichts von uns bleibt, als ein schlichtes, einfaches Kreuz in einem stillen Friedhof? Nach wenigen Jahren ist auch dieses Erinnerungszeichen vermodert - ein Mensch ist ausgelöscht aus den Reihen, ja dem Erinnern der Lebenden. Ihr aber steht unverrückbar fest - lockend, siegverheissend und verderbend. Aber die da ruhen, haben keinen Groll auf euch - und ihr grüßt sie noch, wenn die Menschen sie längst vergessen haben.

"Hab'n  's 'n kennt, den Engl?"
weckt mich plötzlich eine Stimme aus meiner Versunkenheit. Ich dreh mich ganz verdattert um und schau in ein runzliges Altmännergesicht, eigentlich nur in ein paar Augen, um die tausend Fältchen und Runzeln spielen; die Stirne verdeckt ein verbeulter Hut, an dem ein paar müde, halbverwelkte Enzianblüten stecken. Und darunter ist   nichts als ein riesiges, wildwucherndes Bartgestrüpp, über dem eine Pfeife baumelt. Aber die Augen, die so seltsam fragend auf mich blicken, sind hell und freundlich.

"Hab'n 's 'n kennt?" kommt die Stimme wieder aus dem Bartgewirr und die Pfeife deutet auf den schmucklosen Hügel zu meinen Füssen, vor dem ich da - weiß Gott, wie lang schon stehe. Ich schüttle den Kopf und meine Augen entziffern auf dem einfachen Holzkreuz den verwaschenen Namen: Engelbert Hochkogler. Sonst steht nichts da. Hat eine arme Liegestatt, der da unten schläft - keine liebende Hand hat ihm einen Kranz gewunden, kein Blumenstrauß ziert sein Grab - nur Gras und ein paar kümmerliche Margariten, wie sie der Herrgott an jedem Wegrand wachsen läßt.

"Ist er auch abgestürzt?" frag ich den Alten, nur um etwas zu sagen. "Na - der Engl wär wohl nie abgestürzt und wenn er hundert Jahr alt worn wär! Der is kraxelt wie a Gams!" Und wie ich dem Alten so ziemlich verständnislos ins bärtige Gesicht schau, meint er erklärend: "Ja, wissens, i hab mir halt denkt, sie g'hörn vielleicht zu denen, die der Engl amol als a Halbtoter zamklaubt hat da ob'n" - die Pfeife deutet in die Höhe, gegen die im Nebel versteckten Berge - "und weils so lang da bei ihm g'standen sind, hab ich glaubt, sie tun sich am end bei ihm bedanken. Aber auf's danken vergessen 's halt meistens, die Leut." Die letzten Worte hatte er wohl zu sich selber gesprochen, jetzt zieht er unter seinem Wetterfleck einen Tabaksbeutel hervor und beginnt umständlich die Pfeife zu stopfen und in Brand zu setzen.

ch schau wieder auf das so armselig und verlassen wirkende Grab und dann wieder auf den alten Mann neben mir: "Wer war denn der Mann? - Er war wohl ihr Freund?" frage ich teilnehmend. "Ja mein - - -" das Gesicht des Sprechers legt sich in bekümmerte Falten, - "Freund  - einen richtigen hätt der Engl in seine jungen Jahr' wohl gut brauchen können - aber er hat nie einen g'habt. Und wie er dann älter worden ist, hat ihn selten wer g'sehn - er war immer da ob'n umeinand." Seine Augen gehen wieder hinauf, wo der Wind Nebelfetzen und Wolkenballen durcheinander jagt. Der Regen hat aufgehört, dann und wann wird eine Wand, ein spitzer Grat, ein wuchtiger Felskopf sichtbar, um schnell hinter neuen Nebelschwaden zu verschwinden.

"Keiner hat recht gwußt, wo er steckt und was er treibt -aber wenn einer in Not war da ob'n, dann war er da. Die Verstiegenen und Abgestürzten hat er herunter g'holt, auf seinen Buckl hat er's herunter tragen. Und wenn sich nach der ersten Aufregung jemand nach ihm umsehen wollt, war er schon wieder fort. Ja, er war wirklich a Engl - a Schutzengl für so manchen Bergsteiger - - - "

n diesem Augenblick hat der Wind die Wolkendecke zerteilt, die Felsen, Kuppen und Schründe sind in ein goldhelles Licht getaucht, milchweiße Schleier huschen darüber hin. Und ein leuchtender Strahl trifft das arme,vergessene Grab, daß die hellen Tropfen an den Gräsern glitzern und funkeln wie silberne Glöcklein - mir ist, als wehe ein heimliches Klingen über den kleinen Gottesacker, den friedlich Schlummernden ein leiser Gruß vom Herrgott selber.

in seltsames Gefühl der Ergriffenheit nimmt von mir Besitz - und ich gebe mir keine Rechenschaft darüber, warum, aber ich muß den Alten bitten: "Ach bitte möchten Sie mir nicht etwas erzählen von ihm. Sie haben ihn doch sicher gut gekannt!"

s ist eine leidenschaftliche Begierde in mir, mehr von dem Mann zu hören, der so vielen Rettung brachte und nun hier einsam  und unbedankt den letzten Schlaf schläft.
"Ja, hab ihn von Kind an kennt - und i erzähl ihnen gern von ihm."

ie Sonne ist wieder fort, alles ist grau und naß und trübe. Wir gehen still aus dem Friedhof; draußen nimmt mich mein neuer Freund beim Arm und deutet auf ein Anwesen am Waldrand: "Sehn's den Hof da obn? Dort findens mich, wenns vom Engl hören wolln. Sie können jederzeit kommen, ich hab derweil. Ich geh jetzt heim, sonst plagt mich wieder die Gicht. Der Regen kommt auch schon wieder und die verflixte Teiflspfeifn will heut gar nit brennen."

o ists gekommen, daß ich die letzten Tage meines Urlaubs manch liebes Stündlein im Feldbauernhof beim alten Ähnl auf der Ofenbank gesessen hab und die schicksalsschwere Geschichte des Engl erfuhr. Und nun will ich drüber gehn, sie aufzuschreiben, so gut ichs eben vermag - es soll ein bescheidener Denkstein werden auf ein einsames Grab: Für dich, Engelbert Hochkogler!

s ist ein heller Sonnentag gewesen, voll Bergblumenduft und leisem Almwindrauschen, wie die Lena oben in der kleinen Sennhütten in der Hinteralm ihre Augen für immer zugetan hat. Hat gearbeitet und gewerkt, obwohls ihr schon recht schwer gefallen ist - das Leben als Sennin auf einer entlegenen Alm ist nicht so einfach, zumal, wenn eins neben der harten Arbeit eine doppelte Last zu tragen hat - das Kindl, das, von keinem erwünscht, dem Leben entgegen wächst und das Bewußtsein des Verlassenseins in all der Angst und Herzensnot. Ist eine harte Strafe für die kurzen Stunden eines Rausches, den man für das Glück hielt . . .

ber es weiß niemand um das Herzeleid der blassen jungen Lena. Hat sie kaum jemand gekannt in der hiesigen Gegend. Wie sie im Fasching, wo bei den Bauern der Dienstbotenwechsel Brauch ist, mit ihren wenigen Habseligkeiten auf den Romederhof gekommen ist, ist gar nicht viel geredet worden - sie hat einen Dienstplatz gesucht und der Romeder hat eine Sennin für die Hinteralm gebraucht - und weil der Romederin das ernste, stille Gesicht der Lena gefallen hat, war man bald einig. Und wie die Zeit zum Almfahren gekommen ist und die Bäurin einmal gemeint hat, es sei wohl recht einschichtig in der Hinteralm, da hat die Lena nur ein klein wenig gelächelt und gesagt: "Nachher ist's mir grad recht." Und hats keiner gemerkt, daß die Knöpfe am Mieder unter der Schürze nicht mehr ganz zugehn wollten - und gesagt hat die Lena auch zu niemandem was. Man wußte von ihr nur, daß sie irgendwo im Salzburgischen daheim war und daß sie so fleißig und geschickt war wie bald keine. Über ihr bei ihrer Jugend seltsam ernstes Gehaben machte sich niemand Gedanken. Es hat ja jeder mit sich selber zu tun und bei einem Dienstleut ist die Hauptsache, wie es arbeitet.

o war es August geworden auf der Alm, wie die Lena sich in ihr buntgewürfeltes Bettzeug vergraben hat und die Schmerzen durch ihren gequälten Leib wühlten, daß ihr himmelangst wurde. Dem kleinen Hüterbübel wollte es gar nicht in den Kopf, daß die Lena mitten am Tag schlafen ging - und wie er in das verzerrte Gesicht schaute, packte ihn die Furcht. Eilends flüchtete er aus der Hütte, grad daß ihm die Lena noch sagen konnt: "Hanserl - die Bäurin soll wen schicken -  ich bin arg krank, sagst ihr - aber spring!"

nd wie sie dann nach langen Stunden keuchend und verschwitzt bei der Lena ihrer Hütte ankamen, da hat sie grad noch den letzten Schnaufer getan und aus wars. Sie hat nichts hinterlassen, als ein zappelndes, greinendes Bübel, von dem niemand etwas wissen wollte: Den Engl!

st wohl ein recht stilles Begräbnis gewesen, wie sie die Lena hinuntergetan haben in ihre letzte Behausung. Grad halt die paar Mandl, die den Sarg getragen haben, der Pfarrer hat die Gebete gesagt und den Weihbrunn in die Grube gesprengt, die Romederin hat einen bunten Buschen aus ihrem Garten draufgelegt und hat sich mehrmals mit dem großen, getupften Schnupftuch übers Gesicht gewischt - wahrscheinlich, weils gar so heiß war und sie arg schwitzen mußte. Oder weil ihr das Vermächtnis der Lena im Kopf umging? Sie kanns auf keinen Fall behalten - grad mitten in der Ernte, wo jede Hand nötig ist - wer hat denn da Zeit, auf solch kleines Zeug zu achten? Man ist todfroh, die eigenen Kinder endlich so weit zu haben, daß sie schon bei der Arbeit zu gebrauchen sind. Und überhaupt - weiß man, was man sich aufhalst mit solch einem fremden Kind? Nein, nein - hat eh genug Scherereien gegeben, die letzten Tage. Und der Bäurin dünkts, sie habe an der Lena nun reichlich ihre Christenpflicht erfüllt - mit ihrem Kind aber soll man sie in Ruh lassen. Weil halt der Bürgermeister gemeint hat, es wär wohl am besten, wenn das Kindl am Romederhof bleiben könnt.

st ein langes Hin und Hergerede gewesen, bis sich endlich die Gruberin des Hascherls derbarmt hat. Der Gruber ist ein Holzknecht und lebt mit seinem Weib in der Einschicht oben. Es ist ein windschiefes, verludertes Keuscherl mit halbblinden Fenstern und einer niederen, in rostigen Angeln raunzenden Tür. Eng und finster und muffig ists drinnen - erst wenn sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt hat, kann es das heillose Durcheinander feststellen, das da herrscht. Da liegen Küchengeräte, schmutziges Arbeitsgewand und Werkzeug wahllos nebeneinander. Eine Pritsche mit Stroh und ein paar rauhe Decken drauf dient der Gruberin als Schlafstelle. Sie ist zufrieden damit, sie kennts nicht anders.

r, der Gruber Wastl, ist eh selten daheim - meist ist er irgendwo im Holz und wenn er dort nicht ist, findet man ihn im Wirtshaus. Da reicht das Geld dann grad so lang, bis wieder eine Arbeitswoche beginnt. Kommt er wirklich einmal in seine Hütte heim, dann ist er stockbesoffen - es gibt Streit mit ihr, der Kathl, dann und wann auch Schläge für beide Teile. Das Häusl hat wohl zwei Räume - aber im kleineren hat die Gruberin ihre zwei Geißen und ein Dutzend Hennen untergebracht, seit der Schnee den morschen Stall zusammen gedrückt hat. Es hat sich keiner gefunden, der einen neuen Stall aufgestellt hätt und den Wastl kümmerts wenig. Sie meint, es geht auch so ganz gut.

ortsetzung - Kapitel 2