
ergnot - Kapitel 10
ie reden nichts miteinander und der weiche Waldboden verschluckt das Geräusch ihrer Schuhe; trotz der Finsternis kommen sie schnell vorwärts. Sie kennen ja jeden Stein und jeden Wurzelknorren hier. Und der Wald ist ruhig und wie ausgestorben.
Nach zwei Stunden wird das Steigen beschwerlicher; niederes Jungholz, steinige Halden, dürres Brombeergestrüpp. Mühsam und schweigend arbeiten sich die Beiden durch die Finsternis, unbekümmert um die Zweige, die ihnen ins Gesicht schlagen und die dornigen Sträucher, die ihre Hände zerkratzen.
uf einer kleinen Lichtung verhält der Engl den Schritt. Auch die Vev bleibt stehen. Der Nachtwind streicht kalt um ihre Wangen und das dürre Laub raschelt. Der Mond, eine schmale, blasse Sichel, schiebt sich herauf, mattes Licht liegt über dem dunklen Latschengewirr, der Geröllhalde und oben im Steinkar. "Da müssen sie drinn sein," sagt der Engl halblaut und bewegt ein wenig die Hand. Alles ist still. "Alsdann - gehn mirs an!"
Sie reichen sich mit hartem Druck die Hände. Dann huscht ein langer, schmaler Schatten über die Halde, der Engl ist verschwunden. Die Vev kauert auf einem Stein und wartet. Nicht lange - da tönt von weit drüben ein greller Pfiff. In den Latschen beginnt sich was zu rühren. Die Vev steht auf, steckt den Finger in den Mund und gibt den Pfiff zurück. Wartet noch einen Augenblick - da wird es in den Latschen lebendig; ein hoher, heller Pfiff, äste knacken, Zweige brechen - die Vev tut wieder die Finger in den Mund - Pfiff um Pfiff schrillt über die Latschen.
ann hastet sie bergan - stolpert, springt auf, verhängt sich, reisst sich los und rennt weiter. Neben ihr rauscht und knackt es - dann brechen einzelne Schatten aus dem Gehölz, huschen gespenstisch kreuz und quer über das Geröll.
nd unablässig gellen hüben und drüben die Pfiffe. Immer dichter werden die dunklen Flecken auf dem kahlen Gestein, werden zum schwarzen Band, das sich hinaufzieht ins Steinkar... Sechzig, achtzig, hundert Gemsen sind auf wilder Flucht! Wie ein jäh losgebrochener Sturm saust und rauscht es im Steinkar. Das pfeift, keucht, stampft, Schotter rieselt, Steine poltern. Die Vev hat die Halde hinter sich, auf allen Vieren kriecht sie über den nackten, schartigen Fels. Immer noch hat sie die Finger zwischen den Lippen. Und weit drüben im Geschrofe tut der Engl das Gleiche.
ängst ist der nächtliche Spuk zu Ende. Oben auf der Schneid lehnt sich die Vev gegen einen kantigen Felsbrocken und schaut hinunter ins jenseitige Tal. Tief unten Wälder und Almen im spärlichen Mondlicht; und dort, weit drüben, mögen jetzt dem Toni seine Gemsen sein, weit drüben im Jagdrevier von Radmer, das dem Kaiser selbst gehört...
Um fünfe in der Früh weckt die Vev wie gewöhnlich ihr Dirndl auf und der Tag vergheht mit Arbeit, wie jeder andere auch.
ieser Jagdtag mit dem Grafen ist wohl der schwärzeste im Leben des Jager Toni gewesen. Das ganze Revier haben sie durchgekämmt, aber auch nicht eine einzige Gams ist zum Vorschein gekommen. Und der Graf ist ganz umsonst mit seinem Stutzen auf den Hochsitz gekraxelt - ein Eichkatzerl war das einzige Vieh, das ihm vor den Lauf kam.
er Toni ist ganz gelb gewesen im Gesicht, hat die Faust geballt und mit knirschenden Zähnen und schäumenden Lippen einen Fluch losgelassen, so einen grauslichen, dass die Krähen davon gestoben sind und die Treiber sich heimlich bekreuzigt haben... Der Graf hat auch nicht ein Wörtl mit dem Toni geredet, hat ihn nur angeschaut, so voll finsterer Verachtung, dass er am liebsten in ein Mausloch gekrochen wär - und ist dann verärgert und ungnädig wieder abgefahren.
eit dem ist der Toni noch finsterer, noch zwiderer, als je zuvor. Obwohl ihm der Wilderer sein Revier in Ruhe lässt, der Toni rennt immer im Wald herum und passt. Und wenn er schon einmal daheim bleibt in seiner Jagdhütten, dann hockt er beim Tisch und sinniert.
r muss diese böse Geschichte mit den Gemsen gutmachen, aber wie? Da springt ihn wieder der Zorn an und er rumort durch die kleine Stube. Der Engl, der das alles heraufbeschworen hat, lebt derweil zufrieden in den Tag hinein. Er sitzt beim Donnerwirt oder arbeitet im Schlag; er steigt im Gewänd herum oder den Dirndln nach. Er kümmert sich nicht ein bissl um dem Toni seinen Zorn. Und wenn die Leut ein wenig schadenfroh sagen, der Toni ist spinnert worden, dann lacht er, der Engl. Und wenn sie sagen, der Engl ist der grösste Haderlump im Dorf, dann lacht er auch.
ach Admont ist er nimmer gegangen seit damals - und wenn ihm auch manchmal ist, er müsse sein Arbeitszeug fortschmeissen und den alten Weg gehen zum Reintaler seiner Heuhütten, weil er immer der Lore ihr Gesicht vor sich sieht - er geht halt dann doch zu einer andern. Und immer wieder zu einer andern. So vergeht die Zeit.
nd wie's wieder Herbst wird und die Hirsche röhren, da setzt sich der Jager Toni hin, nimmt einen Bogen Papier und beginnt umständlich zu schreiben. Er muss dem Grafen zeigen, dass er mit dem Wilderer aufgeräumt hat. Es muss endlich Gras wachsen über die verdammte Gamsgeschichte...
Also macht er den Bleistift mit der Zunge feucht und malt langsam grosse, ungelenke Buchstaben auf das Papier. "...und wenn halt der Herr Graf kommen täten. Weil ein Hirsch da ist im Revier. Ein Zweiundzwanzigender. Und den sollen der Herr Graf schiessen. Weil er sonst in ein anderes Revier geht. Der Herr Graf werden sehen, dass der Herr Graf eine Freude haben werden. Weil er halt so eine schöne Krone hat."
rei - viermal schreibt ers, der Toni, bis es ihm schön genug vorkommt. Und schwitzt dabei, als hätt er es mit einem schweren Baumstamm zu tun und nicht mit so einem kleinen Bleistift. Er steht auf, hält das Geschriebene gegen das Licht und liest es langsam, Wort für Wort.
Wohl. Das tut. Das kann man dem Grafen schicken. Er setzt sich wieder an den Tisch und schreibt fertig:
"...dem Herrn Grafen untertäniger Jagdaufseher Anton Pfandl." Dann hängt er den Mantel um, weils schon Abend und kühl ist und trägt den Brief hinunter nach Johnsbach zur Post.
nd wirklich ist er gekommen, der Herr Graf. Hat die leidige Geschichte von der letzten Gamsjagd mit keinem Wort erwähnt. Nur wie am Abend die Sonn hinter den Fichtenwipfeln verschwindet, sagt er zum Toni: "Ich möcht mir den Hirsch anschauen." Alsdann, der Toni ist in seinem Element. Er möcht gern was reden, aber er bezwingt sich. So gehen sie schweigend hintereinander bergauf. Die gelben Ahornblätter liegen auf dem schmalen Pirschsteig wie ein dicker, weicher Teppich. Und der Toni schwanzelt aufgeregt um den Grafen herum. Zuletzt hilft er ihm über die roh gefügte Leiter hinauf zum Hochsitz, im Geäst einer breiten, buschigen Fichte. Die kleine Lichtung liegt in der Dämmerung vor ihnen. Und die zwei hocken am Hochsitz, unbeweglich, stumm. Und die Zeit verrinnt.
er Mond kommt herauf, eine bleiche, gelbe Scheibe. Alles ist still. Auch der Wind ist zur Ruhe gekommen. Die Beiden warten und schauen. Auf einmal ist er da. Nicht das kleinste Knacken im Holz, nicht das leiseste Rascheln im dürren Farn hat sein Kommen verraten. Hoch erhoben das stolze Haupt mit der riesigen Krone. Spielerisch erheben sich die Lauscher. Geräuschlos berühren die schlanken Läufe den bemoosten Boden. Da und dort schnuppert das schöne Tier an den harten Gräsern, wendet sich dann wie gelangweilt ab. überquert dann langsam und majestätisch die Blösse. Der Toni schielt nach dem Grafen. Der hat seinen Gucker vor den Augen und kann sich nicht satt sehen. Den ganzen Weg hinunter bis zur Jagdhütte spricht er kein Wort. Aber der Toni merkt an seinem hellen Gesicht, dass er zufrieden ist. Erst vor der Hüttentür bleibt der Graf stehen. Und haut dem Toni lachend die Hand auf die Schulter. Hat trotz seiner hohen fünfzig ein Gesicht wie ein Junger.
ber die grosse Jagd auf den alten Waldkönig ist wieder anders ausgegangen. Denn grad, wie der Graf den Stutzen hebt, zielt und abdrücken will, knallt es - der Hirsch macht noch ein, zwei unsichere Schritte - und bricht nieder. Der Graf lässt das Gewehr fallen und springt auf - drückt erst die Fäuste vor die Augen und schaut dann auf den Frevel. Und auf den Toni, dem sich ein brüllender Schrei entrungen hat...
as hilft es, dass der ganze Wald lebendig wird, nach den ersten, schreckstarren Minuten? Der, der den kecken Schuss getan, bleibt ungesehen - wenn sich auch alle, die da suchen, das Gleiche sagen:
Das war der Engl!
Der allein ist ihnen in allem über: im Schiessen, im Rennen, im Kraxeln über die Felsen...
Was hilft das?
Wissen tun sie es alle - aber beweisen?
Beweisen kann es ihm keiner. Denn gesehen hat ihn niemand. Ist's ein Wunder, wenn sich die Holzarbeiter heimlich bekreuzen und sagen, das ist nicht der Engl, nein, das ist der leibhaftige Teufel selber?
m Grunde genommen, ist jeder einzelne froh, wenn er ihm nicht begegnet; wenn sie auch den Wald durchsuchen bis hinauf, wo die Stämme lichter werden, die Lahnleiten anfängt und die nackten Felsen den Weg versperren. Da müssen sie umdrehen. über die Sengsenschneid kommt keiner hinüber. Da kann man nichts machen. Und der Hirsch ist sowieso schon hin. Eine Weile blinzeln sie noch hinüber auf die haarscharfe Schneid, beuteln die Köpfe, rücken an den Hüten. Schauen sich dann bedeutungsvoll an, nicken sich zu und steigen wieder hinunter.
iner ist aber doch hinüber geritten über die Sengsenschneid. Einen Fuss diesseits, einen Fuss jenseits über dem senkrechten, zerklüfteten Felsgewirr. Schwingt sich dann barfuss, nur mit den Finger- und Zehenspitzen sich einkrallend, abwärts. Schlieft unter einen überhang, kriecht in einen engen Schrund und turnt katzenartig nach unten, bis er festen Boden unter den Füssen hat. Schiebt eine lose Felsplatte weg, nimmt seine Schuhe aus dem Mauerloch und zieht sie bedächtig an. Zerlegt den Stutzen und schiebt die Teile in den Felsspalt. Legt dann wieder sorgsam den Stein vor, ruckt noch ein wenig dran herum und sagt: pass mir gut auf! - und fährt dann wie der Teufel über die rieselnde, rutschende Steinhalde abwärts. Unten im Schlag pfeifft der Michl zum Essen. Da legt auch der Engl seinen Keil, die Hacken und den Schlegel weg und steigt aus seiner Mulde. Sie sind beim Scheiterklieben und da hat jeder seinen Platz allein.
ang ist der Graf vor dem Hirsch gestanden und hat auf ihn niedergeschaut. Und der Toni knieschlotternd, mit hängenden Schultern daneben und die Haare sind ihm zu Berg gestiegen. Nicht einmal Rachegedanken kann er brüten. Der kalte Graus läuft ihm über den Rücken.
Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Der Schuss ist doch in seiner nächsten Nähe abgefeuert worden. Und doch hat keiner den Schützen gesehen. Das kann kein Mensch gewesen sein, das kann nur... Der Graf schaut noch immer auf den toten Hirsch. Dreht dann mit unsicherer Hand das schöne Haupt ein wenig herum. Grade über den glasigen Lichtern, unter dem Geweihansatz, ist der Einschuss. Der Graf atmet schwer, richtet sich langsam aus seiner gebückten Haltung auf und schaut den Toni an."Ein Meisterschuss..." sagt er nur.
Und schaut ihn unablässig an.
Der Toni sieht aus, wie ein Todkranker. Gelb das Gesicht, in tiefen Höhlen flackernd, unruhig und fiebrig, die Augen. Langsam und schwer legt sich des Grafen Hand auf seine Schulter. Und seine Stimme ist nicht zornig, wie er sagt: "Der ist uns über, Toni. Wir werden alt..."
st überhaupt ein gspassiger Kund', der Hunsfeld. Diesmal fährt er nicht ab, nach der abermals missglückten Jagd. Er tut überhaupt, als ob er gar nicht zum Jagen gekommen wär. Jeden Morgen geht er hinauf durch den Wald, seinen Stutzen lässt er zurück. Und der Toni kennt sich schon gar nimmer aus mit ihm. Wenn er ihn begleiten will auf seinen Waldgängen, wie sichs eigentlich gehören tät, dann wehrt er mit einer Handbewegung ab. Der Toni schaut ihm hilflos und verdattert nach, wie er mit dem eisenbeschlagenen Bergstock in der Faust davon geht. Zuweilen dreht er sich nochmal um, macht die Augen zu einem schmalen Schlitz zu, schaut über den Toni weg und sagt so fremd und abwesend: "Ist schon gut, Toni." Am Abend hockt er dann beim Donnerwirt im Extrastüberl und trinkt seinen Roten.
er Engl hat eine seltsame Unruh in sich heut. Es ist nicht das Gesicht der Lore, das ihn herumtreibt, er muss immer hinaufschauen ins Steinkar und weis selber nicht, warum. Ist doch alles ruhig da oben, die steinernen Buckel und Spitzen stehen klar und scharf umrissen unter dem tiefblauen Herbsthimmel.
ie die anderen Holzknecht zum Feierabend nach der Hütte gehen um ihren Sterz zu kochen, hängt er sich den Janker über die Schulter, pfeift sich ein Liedel und geht bergauf. Aber bald lässt er das Pfeifen sein und greift schneller aus. In den Felsen liegen schon bläuliche Schatten. Wie er aus den Latschen hinauskommt, bleibt er stehen, horcht... geht ein paar Schritte, horcht wieder - "...Hallo-o..." Wie von weit weg vernimmt er den Ruf aus dem Kar. Er legt seine Hände wie einen Schalltrichter an den Mund: "hallo-o..." und "ooo-o" rufen die Wände zurück. Er geht weiter, ruft wieder. Diesmal kommt die Antwort deutlich, klar vernehmbar. Der Engl ist schon drinnen im Fels. Ober ihm hängt einer an einem verbogenen Zirbenstämmchen, hat den einen Fuss in einer schmalen Rinne verklemmt und kann nicht weiter.
Der Engl arbeitet sich heran, zieht behutsam das Bein aus dem Felsspalt, stellt es auf einen sicheren Tritt und schaut sich den Abstieg an. Es ist nicht schwer.
Ohne sonderliche Mühe bringt er den Verstiegenen hinunter auf die Halde. Im Mondlicht schauen sie sich an. Ein kleines Erschrecken, ein Erkennen huscht über des Engl sonnenbraunes, schmales Gesicht.
nd halb erstaunt, halb trotzig sagt er: "Sie sind's - Herr Graf?" Der nickt und sagt mit Bestimmtheit: "Aha. - Du bist es." Der Engl fühlt ganz genau, was der Andere damit sagen will. Trotzig, abwartend, schweigend steht er, senkt den Blick nicht vor diesen wissenden, pfüfenden Augen.
Lange stehen sie sich so gegenüber.
Bis dem Engl ungut wird, unter diesen scharfen Augen, die ihn nicht loslassen. Er möchte sich umdrehen und weglaufen - doch dann steigt der Zorn in ihm hoch.
Was kann der ihm beweisen? Mit welchem Recht kann der sagen, du bist es, du, der meine Gemsen aus dem Revier gejagt hat, du, der mir den schönsten Hirsch vor der Nase weggeschossen hat, den ich jemals gesehen?
Schliesslich habe ich ihn aus dem Felsen geholt, er hätte wohl die ganze Nacht oben hängen und schreien können, wenn ich nicht gekommen wär...
Warum bin ich hinauf gestiegen?
Ich hab einfach müssen - genau so, wie ich jetzt stehen bleiben und diesen abschätzenden Blick ertragen muss...
Er hält es nimmer aus, er muss diese stumme Zwiesprache mit einem lauten Wort unterbrechen.
"Haben sich der Herr Graf weh getan?" und er ärgert sich, dass seine Stimme so verlegen und unsicher klingt. Der Graf schüttelt leicht den Kopf - hebt dann langsam die Hand und hält sie dem Engl hin. Dem sitzt ein Knollen im Hals, er muss schlucken, und er spürt, der da vor ihm steht und ihm die Hand bietet, ist weit über ihm, auch wenn er ihn zehnmal aus dem Kar geholt hätt...
Impulsiv drückt seine pechige, zerschundene Holzknechtpratzen die feingliedrige Grafenhand und treuherzig sagt er: "I habs nit dem Herrn Grafen z'Fleiss tan..."
"Aber dem Toni, was?"
Der Graf schlägt mit der flachen Hand klatschend gegen siene Lederhosen und lacht schallend auf. Im Kar lacht das Echo: "Ha-aa-haha..."
m Samstagnachmittag sitzen sie wieder beisammen beim Donnerwirt, die trinkfesten Burschen und Mannerleut von Johnsbach. Ein paar Tisch voll sinds und es geht laut und lärmend zu. Natürlich dreht es sich um den Zwischenfall bei der Jagd - um den Grafen, den Jager Toni und den Engl.
Ist kaum einer drunter, der den Wilderer verurteilt, die meisten sind voll Bewunderung für seine Schneid und voll Schadenfreude gegen den Toni.
reilich, ein Grossteil vertritt mit Bestimmtheit den Standpunkt, es sei da nicht mit rechten Dingen zugegangen...
Insbesondere die älteren streichen bedächtig ihre Bärte, wiegen die Köpfe und sagen bedeutungsvoll: "mhm.. mhm.."
"Dass der Teifl ausgrechnt in Johnsbach wildern geht..." witzelt ein Junger, dem der erste, spärliche Flaum unter der Nase wächst.
"Der jagert überall", sagt der alte Leitner Sepp stirnrunzelnd, "und wann er di amol holn will, wird er di a findn." Der Leitner Sepp ist ein alter Kracher und sein Gesicht ist so bärtig und ledern, dass es aussieht, wie mit Baummoos überwachsen. Aber am Wirtshaustisch führt er das grosse Wort und der heutige Gesprächsstoff kommt ihm nicht ungelegen. Er beugt sich über den Tisch, schaut die andern beschwörend an und dämpft seine Stimme zu einem murmelnden Flüstern.
"Mein' Kopf verwett i", sagt er geheimnisvoll, "der Engl is bestimmt a Gfrorner". Stiller wird es in der Wirtsstube, eine Art von wohliger Beklommenheit legt sich über alle. Auch die Jungen gruselts am Buckel.
ie Gfrornen, ja - aber es ist halt schiach sündhaft, man sollt sowas gar nicht denken. Sie wissen alle drum, schon als Kinder haben sie's erlauscht, abends in den Spinnstuben...
Und der ähnl, ja, der hat einen gekannt...
Einen Wilderer, der sich hat unsichtbar machen können; der hat sich an der Innenseite der rechten Hand einen Schnitt in die Haut gemacht und ist zur Kommunion gegangen. Hat die Hostie, die ihm der Pfarrer in den Mund gelegt hat, wieder herausgelassen und heimlich in die Wunde hineingedrückt, die Haut darüber geschoben und die Hand wieder verheilen lassen. Und war dann unsichtbar.
Hat den Jagern das Wild vor der Nase weggeschossen, ist mitten auf einer Blösse gestanden, grad vor den Jägern - und wenn sie ihn haben angreifen wollen, war er verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt....
etzt ist er lang schon gestorben, der unheimliche Wildschütz - aber man sagt, dass sein Körper nicht verwest; so, wie sie ihn in die Grube getan haben, soll er noch drinn liegen; und es soll mehrere gegeben haben, solche - die nun nicht verfaulen und vermodern im Grab und die man die "Gfrornen" nennt...
nd so einer soll der Engl sein?
Sie glauben es völlig selber, die Jungen, aber der Löderer Schurl muss doch dagegen reden, schon um den Sepp anzufeuern und dass nicht etwa der Dischkurs abbricht...
Er beutelt seinen runden, kraushaarigen Schädel.
" 's seg glaub i nit. Han den Engl nia nit gsehgn abspeisen gehn!"
"Eben zwegn dem!" ereifert sich der Sepp, "er kann ja nimmer beichten gehn! Was er tan hat, is a Gottesraub und koa Pfarrer kann ihn lossprechen... nur der Papst in Rom selber - nit amol der Bischof!"
er Sepp nimmt ein gewaltiges Maulvoll aus dem Bierkrug, schluckt, dass man es tief in sein Inwendiges fallen hört und fährt dann fort: "Wissts es denn, was er tan hat, wann er jeden Samstag umigrennt is über d' Flitzen, gegen Admont zua?"
"Wer woass, in welche Kirchen er da grennt is!" lacht der Schurl. Ein paar lachen, aber man merkts, es kommt ihnen nicht recht vom Herzen. Und der Sepp schaut sie voll strafender Verachtung an,