
ergnot - Kapitel 12
einer Seel, die Vroni tut, was sie kaum einmal getan hat in ihrem Leben: Sie steht vor dem Spiegel und lächelt! Ist es denn überhaupt die Vroni?
ohl, es sind noch die gleichen, wasserblauen Augen, aber sie glänzen - das Gesicht ist wohl noch immer nicht gerade schön zu nennen, aber es liegt ein neuer Zug drin. Die Lippen sind voller und röter geworden, seit der Engl sie geküsst hat... das Haar ist nicht mehr so straff zurück gekämmt, um die Ohren und über die Stirn ringelt es sich sogar ein wenig. Und sobald die Vroni ihre Arbeit beim Vieh getan hat, steigt sie aus dem lodenen Arbeitskittel und zieht das Dirndlkleid an - und wartet. Wartet auf den Engl, der ihr vor wenigen Wochen oben in der Rossleiten, inmitten duftender Bergnelken gesagt hat: "I bin ein Lump, Vroni. Ein hautschlechter Lump. Du weisst, wer mich dazu gemacht hat. Aber bei dir könnt i wieder brav und anständig werden. Magst mi, Vroni?"
nd wie sie vor lauter Herzklopfen kein Wörtl hat sagen können, hat er angefangen zu erzählen, vom Grafen Hunsfeld, der so ein lieber Herr ist, von der Jagdhütten und dem Almblümel, das ihm der Graf angeraten hat und zum Schluss, wie sie immer noch dagesessen ist auf dem bunten Blumenteppich, hat er sie um den Hals genommen und abgebusslt, bis ihr der Atem vergangen ist. Und hat dann nochmal gefragt: "Magst mi, Vroni?"
ie musste das Gesicht auf seinen grünen Janker pressen: "Wohl, Engl, weisst es ja, dass i di schon immer gern g'habt han. Aber i bin halt gar kein schönes Bleamerl, glei a Hundsveigerl..." Drauf hat der Engl so laut gelacht, dass es im Steinkar oben nur so gehallt hat: "Die schön' Mentscher san nix nutz, Vroni. Du bist schon recht. Weisst, gut sein is besser, wie schön sein. Und mir gfallst. Magst mei' Jagerin werden?"
a, so ist das gewesen. Und jetzt steht die Vroni vor dem Spiegel und lacht sich selber an. Und wartet. Streicht sorgsam die Schürze glatt und steckt die Zöpfe locker auf. Bis ihr Bub kommt, ihr die Schürze zerknittert und übermütig das Haar zerzaust. Manchmal ist er wohl recht wild, der Engl. Aber sie lächelt und wehrt ihm nicht. Jetzt muss er nimmer allein im Heu schlafen....
s ist der schönste Sommer, den die Vroni je erlebt hat - und wohl ihr zulieb dauert er dieses Jahr extra lang. Noch in der zweiten Oktoberhälfte sind die Tage sommerlich warm, die Luft glasklar und durchwoben von schimmernden Silberfäden. Freilich, die Vroni wartet schon seit ein paar Wochen umsonst auf ihren Engl - nur einmal, im September, ist er schnell für ein halbes Stünderl zu ihr gekommen, hat ihr gesagt, sie solle sich nicht sorgen, der Hunsfeld sei da und er müsse mit ihm auf die Jagd. Er wisse nicht, wann er wieder Zeit habe. Im Radmerer Jagdgebiet sei jetzt der Kaiser selber da und er habe den Grafen zu einer grossen Jagd eingeladen. Da müsse natürlich er, der Engl, auch mit.
In der Vroni ihrem Herzen ist eine dumpfe Angst aufgestanden, sie wusste selber nicht, warum. Hat aber dieses dumme, kindische Fürchten tapfer niedergekämpft und bewundernd zu ihr aufgeschaut. Gar zum Kaiser darf er, gar zum Kaiser selber!
ann ist er pfeifend davon gegangen und die Vroni schaut ihm nach, bis er im Hochwald verschwindet. Er ist gegangen und diese unerklärliche Angst ist geblieben. Mit seltsam schweren Füssen steigt sie hinauf in die Rossleiten, pflückt langsam die letzten Anemonen und das fein gekräuselte Bergkraut. Tränen fallen auf die Blumen, die sie vor das Bild der Gottesmutter stellt. Das rote öllicht flackert und zuckt. Gern möchte die Vroni beten, aber sie kann nicht. Krampft nur die Finger ineinander und schaut ins Leere. Da fährt ein jäher Windstoss durch die offene Tür - das Lichtlein ist erloschen.
in gräflicher Jagdaufseher kommt viel herum in der Gegend, wenn grosse Jagdzeit ist. Abends gehts dann im Wirtshaus hoch her - die Jagdherren lassen sich nicht lumpen, sie zahlen, dass am Tag darauf das halbe Dorf blau ist...
Den Jägern und Treibern ist das die liebste Zeit; und auch der Engl kommt mählich wieder in sein altes Fahrwasser. Was soll einer auch tun, wenn das Geld im Hosensack klingelt und die Dirndln schöne Augen machen? Diesen Herbst, denkt er, diesen Herbst soll es nochmal so richtig lustig und ungebunden zugehen - im Frühjahr wird dann die Vroni geheiratet und dann ist immer noch genug Zeit, ein ernster, gesetzter Ehemann zu werden! Eigentlich sollt' man es dem Grafen sagen - na, wird sich schon alles schicken.
etzt sind die Hirsche und Rehböcke viel zu wichtig, als dass man vom Heiraten reden könnt! Diesen Abend sind sie beim Bachwirt und die kleine, altmodische Stube mag die vielen Mannsleut kaum zu fassen. Es wird fleissig gezecht, gesungen und zuweilen auch gestritten. Einer übertrumpft den anderen mit seinen unerhörten Jagderlebnissen, die Stimmung wird ausgelassen.
Und wenn auch jeder, einer lauter wie der andere, ein paar Bravourstücke zum besten gibt, unversehens wechselt halt doch einmal einer in ein anderes Revier hinüber und fängt von den Mädeln an.
a werden die Mirzeln, Nandln, Gretln und Resln genauestens auf ihre Vor- und Nachteile geprüft und in diesem Zusammenhang fängt auch einer von der Sonnlechner Lore an.
Der Engl horcht auf - aber er stopft seine Pfeife, schreit der Mariedl um einen Zwetschkernen und tut, als könne er sich an die Lore nicht erinnern.
Trotzdem entgeht ihm kein Wort, er überhört keinen der derben Spässe und keine der übermütigen Spottreden, die sich da um die Lore drehen.
m anderen Tag geht er mit dem Hunsfeld von der Pirsch heim. Der Oktober geht zu ende, aber immer noch ist das Wetter schön. Trotzdem wird der Graf bald wegfahren. Der Engl denkt nicht ans Wetter und nicht an den Grafen, der hinter ihm den Pirschsteig herunterstapft.
chau, schau... alsdann hat der dicke Viehhändler die Lore nicht geheiratet... und der Sonnlechner hat so abgewirtschaftet, dass nicht einmal der Stuhl, auf dem er sitzt, ihm gehört? Lore, das gönn ich dir! Bist noch immer so stolz? Oder wärst am End schon froh, wenn der dreckige Holzknecht, den du beim Kirtatanz so verachtet hast, kommen möcht und dich in das kleine Häusel holen tät in der Krumau? Aber lass nur - der fragt nimmer nach dir - auch nicht, wenn du dir alle Finger blutig stichst an der Rosenstauden... auch nicht, wenn du dir beim Almgehen den Fuss vertrittst...
ber sagen möcht er dirs nochmal, wie er dich verachtet - dann wird er dir lachend den Rücken kehren, dann, wenn du ganz klein geworden bist und wird sich die Vroni holen... Die Vroni? Ja - himmelseiten, warum hat das Madel das verschwiegen?
r sieht sich wieder an der Tür stehen, oben in der Trefflinger Huben. Er weiss alles noch ganz genau. Wie die Vroni unterm Schmarrnteigrühren "mhm" genickt hat, auf seine Frage nach dem Sonnlehen und der Lore ihrem Mann... Na ja. Ist ja gleich.
ber hättest mirs wohl sagen können, Vroni. Hättest keine Angst haben müssen, ich mag die Lore nimmer. Bist halt auch ein kleines bissl falsch, sonst wärst ja kein Weiberleut...
ber was, Blödsinn übereinander! Die Lore ist halt ledig und von mir aus kann sie's bleiben... ich heirat' sie nicht... und die Vroni am End auch nicht... die ganze Gaudi ist fort, wenn man erst ans Heiraten denkt! Blöde Weibergeschichten!
r macht schnelle, lange Schritte, rennt hinunter in den Graben, springt über das Bächlein, das munter über die abgewaschenen Steine plätschert und stürmt hastig auf der anderen Seite hinauf. Oben auf der Blösse weht ein kühler Wind und lässt sein Haar flattern. Er bleibt aufatmend stehen - o sapperment, jetzt hab ich meiner Seel auf den Grafen vergessen!
er arbeitet sich ein wenig keuchend und mit gerötetem Gesicht durch die Brombeerstauden und dürren Reisighaufen aus dem Graben herauf; steht dann neben dem Engl, tupft sich mit dem Taschentuch die Stirn und meint: "Wir wollen ein wenig rasten, was?"
ine Weile sitzen sie schweigend im Schwarzbeerlaub, rauchen und schauen über die Wälder hin. Der Hunsfeld tut einen tiefen Atemzug, meint: "Ich werd halt langsam alt..." und nickt wehmütig vor sich hin. Der Engl schüttelt den Kopf und macht eine abwehrende Handbewegung: "Aber was sich der Herr Graf einreden..." Der wiegt bedächtig den mächtigen, grauen Kopf: "Na, mach mir nichts vor, Engelbert. Ich spür das selber. Bin auch mit dem Schiessen gar nimmer sicher. Werden die Hände schon ein wenig zittrig und unsicher. Hilft nichts, das Ableugnen."
r streckt sich gemächlich aus, lehnt sich gegen einen modrigen Baumstrunk und schaut den langsam ziehenden Wolken nach. Der Jäger stochert verlegen in seiner Pfeife, er weiss nichts Rechtes zu sagen. Und er ärgert sich, weil in seinem Hirn immer noch die Gespräche um die Lore herumspucken... und die Vronerl geistert dazwischen und das ärgert ihn auch.
ber die Gedanken sind wie lästige Mücken, sie lassen sich nicht verscheuchen. Da fängt der Graf wieder an: "Am Samstag muss ich fahren. Das sind noch drei Tage. Wer weiss, wie das im nächsten Jahr wird..." Er redet mehr für sich und der Engl weiss sich auch mit diesen Worten nichts anzufangen. Wo will er denn damit hinaus? Manchmal versteht eins diese grossen Herren beim besten Willen nicht.
etzt wendet sich der Hunsfeld dem Engl zu, das Ernste, Nachdenkliche ist aus seinem Gesicht gewischt. Er ist wieder ganz der alte, junge Hunsfeld. "Ein Stückl möcht ich noch schiessen, Engelbert. Veilleicht gleich morgen, da gehn aber nur wir zwei. Aber ich brauch deine Hilfe."
r blinzelt dem Engl in's verständnislose Gesicht. Und weil sich der gar nicht auskennt, rückt er noch näher, legt ihm die Hand mit leichtem Druck auf die Schulter und hilft ihm nach. "Ich hab dir schon gesagt, meine Hand ist nimmer sicher. Es gibt aber ein Mittel dagegen. Nicht?"
mmer noch hockt der Engl da und schaut ganz verdattert drein. Der Graf lacht hellauf: "Geh, tu mir nicht so unschuldig, du alter Gauner! Hast es ja selber oft genug ausprobiert, was?" Ganz langsam dämmert dem Engl was. Völlig verlegen wird er, stottert: "ja, aber..." Das weiss ja schliesslich jeder Jäger, dass man - na ja, halt, dass man vorher bei einem Dirndl schlafen muss! Dann wird man sicher beim Zielen und Treffen! Das ist ein altes, bewährtes Jäger-Rezept - aber?? Freilich, warum sollte es bei einem Grafen seine Wirkung verfehlen? "Na - weisst mir eine?" fragt der Graf rundheraus. "Mhm.." eigentlich wollte er dem Hunsfeld von seinen Heiratsplänen erzählen, aber das lässt sich leicht verschieben; ausserdem - wart' nur, Vronerl, das wird jetzt eine kleine Straf' für dein Falschsein!
"Also - ich verlass mich auf dich - brauchst es nicht umsonst tun - und - das Mädel auch nicht..."
er Vroni schiesst ein freudiges Rot in die Wangen, wie sie da zwei Mannsleut auf die Huben zukommen sieht - wirklich, der Eine, Grosse, das ist der Engl! Wen bringt er denn da mit? Ach, ist ganz einerlei - Hauptsache, dass er wieder da ist! Eilig wäscht sie sich Gesicht und Hände und schlüpft in ein besseres Gewand. Kehrt noch schnell den Fussboden, obwohl der ganz sauber ist - da poltern die schweren Nagelschuhe schon über die Türschwelle.
er Engl kommt auf die Vronerl zu, begrüsst sie, wie man halt irgendwen Bekannten grüsst und sagt: "Vroni, das is der Herr Graf. Er möcht gern übernachten heroben bei dir, weil mir morgen in aller Fruah jagern gehn." Die Vronerl ist verlegen und macht einen unbeholfenen Knicks. Das ist also der Graf? So schaut der aus? Möcht eins meinen, er sei auch nur ein gewöhnlicher Jager - seine Lederhose ist abgeschabt und die grünen Wadelstutzen schon ein wenig verschossen... Aber die Vroni hat es jetzt eilig. Sie kocht ein Nachtmahl für ihre beiden Gäste und während sie essen, holt sie frisches Bettzeug aus dem Kasten und richtet ihre Bettstatt für den Herrn zurecht. Hat halt nur den einen Wohnraum, die Huben, aber einen Grafen kann man doch nicht auf den Heustadel schicken zum Schlafen.
er schiebt die leere Muspfann zur Seite, sagt der Vroni ein paar anerkennende Worte und meint dann so nebenbei: "Ich geh noch ein wenig Luft schnappen." Dass er dabei dem Engl bedeutungsvoll zublinzelt, merkt die Vroni in ihrer Geschäftigkeit nicht. Der Engl steht spreitzbeinig beim Fenster und schaut ihm nach. Erst als er ein gutes Stück fort ist, nimmt er die Vroni um die Mitte, hockt sich auf die Bank und zieht sie zu sich nieder. Sie ist ein wenig befangen, die Wochen des Alleinseins dünkten ihr endlos und dieses eigene Angstgefühl ist sie nimmer ganz losgeworden.
r aber tut, als sei er gestern erst dagewesen, ist recht lieb mit ihr und küsst ihre Befangenheit und Kümmernis fort. "Heut werd i wohl am Heuboden schlafen müssen, was? Und wo schlafst nachher du?" Sie lacht ein wenig. "Haben schon öfter mal fünf, sechse am Heuboden geschlafen - meinst, mir zwei haben nit Platz obn?" Ganz erschrocken und entsetzt tut der Engl jetzt. "Aber Dirndl, wo denkst denn hin? Was glaubst, was der Graf sagen tät dazu! Mei' Stell könnt's ma kosten!" Und mit einem Blick in ihr ratlos-erschrockenes Gesicht: "Weil mir halt no nit verheirat' san..." Sie schämt sich und lässt mutlos den Kopf hängen. Er tätschelt ihre Hand und redet ihr gut zu.
"Hascherl, du liabs - muasst nit verschreckt sein. Schau, im Fruajahr wird gheirat' und aft ghörn mir zam. Aber woasst, die hohen Herrschaften, dö verstehn des nit. Da gibts nix vor der Hochzeit..." er kitzelt sie im Nacken, wickelt sich eine Haarsträhne um den Finger und lacht spitzbübisch: "Mein, du, was bin i froh, dass d' koa Gräfin bist!" Da muss sie halt doch wieder lachen. Er redet weiter. "Weisst, der Hunsfeld ist überhaupt ein recht christlicher Herr. Wenn der was merken tät, er tät mi auf und davon jagen und i müsst wieder zu die Holzknecht und du könnt'st nur a Holzknechtweiberl werd'n und nit a Jagerin. Dös war do dumm, göl?"
"Ah, " er tut einen bekümmerten Schnaufer, "i mein', i kann wohl koa Viertelstünderl schlafen heut nacht - wo du so in meiner Näh' bist und i derf nit zu dir..."
r stützt den Kopf in die Hände und schaut auf den Boden. Richtet sich dann mit einem Ruck auf, als wär ihm was eingefallen. "Na, Dirndl. Das halt i nit aus. Weisst, was mir tuan? Du richt'st dei' Schlafstatt durt, ganz im Winkel her. Und i geh zerscht am Heubod'n aufi. In der Nacht dann, wann der Graf fest schlaft, nachher kim i hinten durch d' Holzhütten einer, ganz hoamli. Mir müassen halt ganz stad sein, dass er ja nix hört. Und sehgn kann er eh nix, weil er vom Bett gar nit umisiacht in' Winkel und finster is's a. Aber Vroni, red'n derf' ma nix, na?"
as Dirndl möcht gern was einwenden, es ist ihr ganz ungut, aber der Engl schaut sie so bettelnd und voll Lieb an. So kann sie nichts als nicken und zu allem "ja" sagen... Also steht der Engl auf: "I geh no a bissl aussi. Schaut dumm aus, wann er gach zruck kimmt und mir san da alloan beinand..."
In der Tür dreht er sich nochmal um: "Aber nix red'n, göl? Ka Wörtl! Dass er ja nix gwahrt, wann er epper munter wird!" Schon ist er draussen, springt leichtfüssig über den Feldweg davon.
tockfinster ist es in der Kammer und ganz still. Nur manchmal hört man den Holzwurm im Gebälk. Und unter der hohen Tuchent die gleichmässigen Atemzüge des Grafen. Reglos liegt die Vroni im Winkel auf dem Strohsack, zieht die rauhen Kotzen bis ans Kinn und lauscht angestrengt auf jedes kleinste Geräusch. Einmal ist ihr, als rühre sich was dort beim Fenster - aber es ist wohl nur der Nachtwind, der vorüber streicht. Dann raschelt es leise neben der Tür - angstvoll, zitternd, horchend, wartet sie.
Aber es sind wohl nur die Mäuse, die unter der Türschwelle ein Loch haben. Pocht es nicht draussen an der Holzwand? Die Augen bohren sich in die Dunkelheit, vor Erregung klappern die Zähne wie im Fieber.
Sie presst die Kiefer gewaltsam aufeinander und horcht. Aber es ist nur das eigene Herz, das so wild und laut klopft.
Fortsetzung Kapitel 13!