ergnot - Kapitel 13

 

ie haben sich früh zur Ruhe begeben, nun schleichen die Stunden langsam hin. Es mag schon nach Mitternacht sein. Die Vroni horcht immer noch in die Stille. Doch immer nur die gleichen Geräusche sind vernehmbar. Langsam wird sie ruhiger. Wird es sich doch noch überlegt haben, der Engl... Das ist eine Beruhigung und zugleich eine kleine Enttäuschung... Einen Augenblick lang kommt ihr der Gedanke, einfach ganz leise aufzustehen, hinaus zu schlüpfen und die Leiter zum Heuboden hinaufzusteigen - aber gleich schreckt sie wieder davor zurück. Wenn nun die Tür knarrt? Oder der Luftzug den Grafen weckt? Und der Engl würde am Ende noch ungehalten sein...

llmählich kommt der Schlaf. Wohl wehrt sie ihm noch, versucht zu warten. Dann aber denkt sie beruhigt, der Engl schläft längst, er muss ja müde sein von den weiten Gängen durchs Revier... Die Lider werden schwer. Schlaf gut, Engl - schlaf gut...

in warmer Körper schmiegt sich eng an den ihren. Noch befangen von Schlaf und Traum flüstert sie zärtlich seinen Namen, streckt die warmen, nackten Arme aus - und ist wieder hellwach. Sie ist ja nicht allein - so liegt sie still und wagt sich nicht zu rühren. Möchte die Angst und das Herzklopfen niederzwingen, schmiegt das Gesicht an des Liebsten Brust - und fährt mit einem leisen Schrei zurück. Ein fremder Geruch steigt ihr in die Nase, sie möchte aufspringen in ihrer wilden, heissen Angst... "Pst..." macht ein Mund nahe an dem ihren. Eine Hand tastet über ihr rauhes Leinenhemd - sie möchte schreien und kann nicht, möchte sich wehren und liegt doch wie leblos, erstarrt in Schreck und Scham. Die Gedanken springen wirr durcheinander, verlöschen... feurige Ringe tanzen vor den Augen. Irgendwo in ihrem tiefsten Herzen erwacht ein verzweifelter Notschrei "...Engl..." aber er bringt keine Erlösung. Kein Laut kommt über die zusammengepressten Lippen. Willenlos und in ohnmächtigem Schmerz ist sie an ihr Lager gefesselt. Dumpf und wie von schwerem Alp umfangen, fühlt sie weiche Hände um ihren Leib und während ihr Herz den Engl ruft, wird ihr Körper einem Anderen zu eigen...

rst als die Morgendämmerung grau vor den kleinen Fenstern steht, löst sich die Vroni aus ihrer Erstarrung. Schweissgebadet, mit zitternden Beinen, erhebt sie sich, sucht Klarheit in ihre Gedanken zu bringen - es gelingt ihr nicht. Mit unsicherem Griff tappt sie nach der Laterne und taumelt schwankend in den Stall hinaus. Zwischen den Tieren, bei ihrer gewohnten Arbeit, wird ihr ein wenig leichter. Das war doch alles nur ein böser Traum... das kann doch gar nicht Wahrheit sein! Wer sollte wohl sonst zu ihr kommen, ausser dem Engl? Ist ja sonst kein Mensch in der Nähe gewesen diese Nacht - nein, ich hab geträumt, sonst nichts! Der Engl war das nicht gewesen - und der Graf? Sie weist diesen Gedanken weit von sich; wo doch der Engl sagt, er ist ein guter, christlicher Herr... und ausserdem - ein Graf? Der würde sich bei Gott eine Schönere finden... So versucht sie, sich selber zu beruhigen - und zum Teil gelingt es ihr auch.

us der Stalltür tretend, sieht sie im Wohnraum bereits Licht. Nun stockt doch der Herzschlag wieder ein wenig, da sie den beiden Männern gegenübertreten soll. Mit zögerndem Schritt geht sie hinein, wünscht mit unsicherer Stimme einen guten Morgen und wagt kaum den Blick zu heben. Aber denen ist nichts anzumerken. Sie reden ungezwungen vom Wetter, von der bevorstehenden Abreise des Grafen und von ihrem letzten Pirschgang in die Lahngruben hinein, den sie heut machen wollen. Während die Vroni die Morgensuppe richtet, Schwarzbrot und Butter auf den Tisch bringt, sinnt sie nach einer Möglichkeit, wie sie ein paar Worte mit dem Engl allein reden könnt. Doch der tut nichts dergleichen. Nur einmal, wie er an ihr vorbei geht, nimmt er schnell und heimlich ihre Hand und drückt sie fest. Aber noch ehe sie die Antwort auf ihre brennende Frage in seinem Gesicht lesen könnte, ist er schon wieder weg, richtet Rucksack und Büchse her und nach wenigen Minuten gehen sie schon den schmalen Feldweg bergauf, dem obersten Teil vom Hunsfeld'schen Jagdrevier zu. Die Vroni bleibt mit ihrer Unruh, ihren ängsten und Zweifeln allein.

em Engl kugeln schier die Augen heraus, wie ihm der Graf ein dickes Bündel Geldscheine hinschiebt und lacht: "Brav hast es gemacht, brav! - Nun teil das mit dem Mädel da oben - wie du das machst, ist mir gleich. Mir ist zwar gewesen, sie merkt was - aber red ihr nur fest ein, dass du bei ihr warst. Und Maul halten drüber, ja?" Und wie der Engl verständnisvoll nickt und dabei mit den Blicken das viele Geld streichelt, sagt der Graf: "Weisst, ich hab ja meine Frau daheim. Aber die kann ich doch nicht hierher mitnehmen auf die Jagd - was soll man da sonst tun, wenn man das Zittern in den Händen kriegt?" Er lacht und sein Jäger lacht auch. Verstehen sich recht gut heut, die zwei. Im besten Einvernehmen gehen sie auseinander. Der Engl ist wieder allein und unumschränkter Herr im Revier.

eim Schein der trüben Lampe blättert der Engl mit den Geldscheinen. Pfeift vergnügt durch die Zähne. Nobel, muss man wirklich sagen! Mit so einer Pratzen voll bunter Zettel liesse sich schon was anfangen... tät reichen für das kleine Häusel in der Krumau, aber nach dem ist's ihm gar nimmer. Ein bissl ungemütlich wird ihm beim Gedanken, dass er die Halbscheid der Vroni bringen muss - es ist ihm gar nicht angenehm, dass er in ihre angstvoll fragenden Augen schauen soll - freilich, er könnte der Vroni sagen, das Geld habe der Graf für die Aussteuer gespendet... könnte sagen, dass er nicht mehr warten wolle mit der Hochzeit bis zum Frühjahr, nachdem man doch genug Geld hätte jetzt... Aber nach einer schnellen Heirat steht ihm der Sinn gerade jetzt nicht. Jetzt am wenigsten, wo er beinah ein reicher Mann geworden ist! Ach was, kommt Zeit, kommt Rat! Und die Vroni läuft ihm schliesslich nicht davon.

enn man Geld hat, wird es einem leicht zu eng in den vier Wänden. Drum rückt er den Hut schief und macht sich auf den Weg nach Johnsbach. Die vergangenen Wochen hat er viel in den Wirtshäusern gesessen, jede Jagd musste reichlich begossen werden. Da finden sich immer Kumpane, die mithalten, bis es wieder Tag wird. Die Dirndln machen dem lustigen, feschen Jäger noch immer schöne Augen. Der übermut juckt ihn und er meint, ein bissl Abwechslung könnte nicht schaden und die Vroni auf ihrer einschichtigen Huben weiss von nichts. Ausserdem, - noch ist man ja ledig, und das Treusein mag eine Tugend sein - aber derweil noch keine Pflicht!

eltsam, wieviel Freunde man hat, wenn der Geldbeutel voll ist! Immer mehr werden es, die den Engl hochleben lassen, ihn als den sichersten Jäger, den besten Kletterer rühmen - und er zahlt fleissig und lässt die Silberfüchse prahlerisch über den Wirtshaustisch rollen.

ie Zeit vergeht, der erste Schnee fällt. Im Revier ist nicht viel zu tun, noch findet das Wild seine Nahrung selber. Der Engl ist voll Lebenslust und übermut, wie kaum zuvor. Sein Ansehen steigt. Wohl werden die bunten Scheine weniger, aber beim Gehen klingelt das Silber in seinen Joppentaschen. Seine Stube in der Jagdhütte ist meist verlassen. Es scheint ihm, man könnte sich doch nicht in der Einsamkeit vergraben, dazu ist Zeit, wenn man alt ist! Aber der Engl ist jung und das Leben eine Lust. Wer hat nur den widersinnigen Satz geprägt, von der Welt, die ein Jammertal sei? Wo doch alles dazu angetan ist, dass man sich freuen muss! Wo einem an jedem Wegrand ein Blümel wächst, das wartet, gepflückt zu werden?!

r hat vergessen, dass er einmal arm, geschmäht, verachtet war... er ist ein grosser Herr geworden. Nicht nur dem Grafen sein Jagdaufseher - nein, dem Grafen sein Freund! Die Vroni ist vergessen. Anfangs hat wohl manchmal eine innere Stimme gedrängt, geboten, gefordert: bring der Vroni, was ihr gehört! Sag ihr ein gutes Wort, sie kränkt sich um dich! Und er hat sich fest vorgenommen, morgen, ja, gleich morgen, da geh ich hinauf zu ihr. Dann hat er's halt doch wieder auf den nächsten und immer wieder auf den nächsten Tag verschoben. Hat dann die Hälfte des Geldes sorgsam beiseite gelegt für die Vroni. Ich bring ihr's ja, ich nehm ihr's ja nicht, hat er die mahnende Stimme in seiner Brust beschwichtigt. Und ist dann doch wieder hinunter nach Johnsbach, manchmal nach Hieflau oder gar einmal nach Admont. Und überall ist er gut bekannt und überall hat er Freunde. Und überall gibts saubere Dirndln.

angsam ist die Stimme in ihm still geworden. Der Wirtshauslärm und die Alkoholgeister haben sie endlich zum Schweigen gebracht. Ja, sie schweigt sogar, als der Engl so um Weihnachten herum bedenkenlos an das Geld herangeht, das er im Herbst für die Vroni beiseite gelegt hat. Und das lustige Leben geht weiter.

or Weihnachten hat auch der Trefflingerbauer einmal den Ochsen vor den Schlitten gespannt und ist hinaufgefahren in seine Huben, wo die Vroni auf sein Galtvieh, die Jungochsen und die Schafe schaut. Die Bäurin hält grosse Stücke auf die Vroni und hat ihr einen grossen Korb voll Esswaren zusammengepackt, auch süsses Backwerk und eine Flasche Wein für die Feiertage. Der Trefflinger hat einen guten Blick für sein Vieh, da merkt er's sofort, wenn ein's krank ist oder sonst was nicht recht damit stimmt. Dass ihm aber der Vroni ihr geisterbleiches Gesicht, die dunklen Ringe unter ihren Augen und der todbange, gehetzte Ausdruck ihres ganzen Wesens auffällt, ist mehr, als man von ihm erwarten könnt.

rst mustert er sie nur mit einem abschätzenden, fast unwilligen Stirnrunzeln. Geht dann nach dem Stall, befühlt und beklopft das Vieh und seine Miene wird freundlicher. Ist wirklich nichts auszusetzen, die Vroni ist ein tüchtiges Weiberleut. Drum klingt seine Frage fast besorgt: "Bist krank, Vroni?" "Aber na, mir fehlt nix," wehrt sie ab und ein feines Rot färbt ihre Wangen. Der Bauer schaut nochmal prüfend in ihr Gesicht: "Schaust aber gar nit gut aus - wird dir am End die Arbeit z'viel? I werd die Rosl heraufschicken, sie soll a paar Wochen herobn bleibn, kannst derweil unten der Bäurin helfen..." "Bitt schön, nit, na, bitt schön nit!" bettelt sie und ihre Stimme ist ganz heiser vor Angst und Schrecken. Der Bauer schüttelt verständnislos und verwundert den Kopf. "Wenn der Bauer z'frieden is mit mir, i möcht halt gern herobn bleibn..." versucht sie schüchtern zu erklären. "Na ja," brummt der, "wie 'd halt meinst. I hab dirs gut g'meint, aber wennst durchaus herobn bleibn willst, im tiefen Schnee und in der Einschicht..." In einer jähen Aufwallung beugt sich das Mädchen nieder und drückt ihre Lippen auf die harte Bauernhand: "I dank' halt recht schön, Bauer..." Ungeduldig und linkisch wehrt er ihr, geht brummend und immerfort den Kopf schüttelnd zu seinem Ochsen hinaus: "Soll si einer auskennen mit die Weiberleut..."

m Februar kommt der Föhn, Tauwetter setzt ein, im Steinkar oben donnern die Lawinen. An einem hellichten Werktag holt die Vroni ihr Feiertagsgewand aus dem Kasten, zieht sich sorgfältig an, nimmt das dicke, schwarze Wolltuch um die Schultern und macht sich auf den Weg. Sie will, sie muss den Engl suchen. Seit jener verhängnisvollen Nacht im Oktober hat sie ihn nicht mehr gesehen. Hat gewartet und gebangt, hat Nächte durchwacht und durchweint, hat in Herzensangst und Verzweiflung seinen Namen in die Winternacht hinausgerufen. Aber nur der Sturm, der über die Jöcher tobte, hat ihren flehenden Ruf gehört.

ie hat nun den Beweis, dass die erregenden Stunden jener Herbstnacht kein Traum waren... Erst hat sie das Unmögliche nicht fassen, nicht glauben können. Hat auf das Wunder gehofft, das alles anders und gut machen würde. Aber das Schicksal nimmt seinen Lauf. Unbekümmert um die Angst und Bitternis einer einfältigen Dienstmagd. Soviel sie auch grübelt und ihr Herz zermartert - sie findet keine Lösung. Und nun nimmt sie in all ihrer Not und Qual ihren ganzen Mut zusammen - ein einziges gutes Wort vom Engl und alles wird gut sein. Dennoch ist es ein blutiger Kreuzweg, der Weg zum Jägerhaus, und viele bittere Tränen fallen in den Schnee.

ür einen, der die ganze Nacht munter gezecht hat, ist es kein Vergnügen, aus dem besten Schlaf geweckt zu werden. Das zaghafte Klopfen, den schüchternen Ruf hat er gar nicht vernommen. Erst als die Tür geöffnet und dann von einem jähen Windstoß mit scharfem Knall zugeschlagen wird, erhebt er sich mühsam und grunzend von seinem unordentlichen Lager. Starrt mit offenem Mund und stieren Blicken auf die Vroni, die an der Tür stehen geblieben ist und die Hände auf das wild pochende Herz presst. "Vroni?" lallt er ungläubig - sein Hirn ist noch umnebelt, er begreift nichts und lässt sich wieder zurückfallen in seine schmutzigen Kissen.

" ngl..." stammelt die Vroni mühsam, dann schnürt es ihr die Kehle zusammen, sie bringt keinen Ton hervor. Allmählich wird der Engl völlig munter und nüchtern. Er sieht die wilde Unordnung in seiner Behausung, nasse Kleider, achtlos in die Ecke geschleudert, am Boden verstreut Schuhe, fettiges Papier, ein paar leere Flaschen. Am Herd unsaubere Töpfe mit eingetrockneten Speiseresten. All das verrät nur zu deutlich sein unordentliches, zügelloses Leben; er selber in feuchten, von Weindunst und Rauch erfüllten Kleidern im Bett.

it einem Satz ist er auf den Beinen, fährt mit den Fingern durch das wirre Haar. Spuren der Trunkenheit zeichnen sein Gesicht. Ein unklares Gefühl der Beschämung erwacht in ihm, aber er kämpft es nieder. So fährt er die Vroni grob an: "Was willst denn da?" Verschreckt weicht sie an die Wand zurück. Sie muss sich anlehnen, um nicht umzusinken. "Engl - " bettelt sie mit klangloser Stimme. Dem wird es immer unbehaglicher - auch das Geld fällt ihm ein, das er ihr hätte bringen sollen und das nun bis auf einige lumpige Guldenzettel verbraucht ist - vertan, verspielt, versoffen... Scham und Groll und Auflehnung zerren in ihm, unbeherrscht packt er sie an den Schultern und rüttelt sie unsanft: "Sag schon, was'd willst!"
Entsetzt starrt sie in sein zorniges Gesicht.
"Engl, du - hast mi denn gar nimmer gern?!"
Es klingt wie gesprungenes Glas.
Ihre Hilflosigkeit und Not macht ihn unsicher:
"Ach was, - gern!" würgt er grollend hervor, "du kommst doch nit bei dem schlechten Weg von deiner Huben herunter, nur fragen, ob i di gern han!"
Sie schwankt, die letzte Kraft droht ihr zu schwinden. Er merkt es, weiss nicht recht, was er mit ihr anfangen soll und schiebt ihr einen Sitz hin.
"Hock di nieder!" fordert er rauh.
Willenlos sinkt sie zusammen, kauert wie zerbrochen auf dem niederen Schemel. Und, das Gesicht mit den Händen bedeckend, stösst sie hervor:
"... a Kind krieg i!"
Einen Herzschlag lang ist es still - dann lacht der Engl laut und grell auf. Der Vroni schneidet es wie mit Messern ins Herz. Der Engl steckt die Hände in die Hosentaschen, geht mit langen Schritten hin und her. Bleibt dann vor ihr stehen, die das Gesicht immer noch in den Händen birgt. Er fühlt sein Unrecht und bringt es dennoch fertig, ihr Leid ins Uferlose zu steigern.
"So so. So is das mit dir. Von wem denn?"
"Das fragst d u ? " schreit sie auf, gemartert in unendlicher Pein.
Er lehnt sich gegen das Fenstersims, dreht ihr den Rücken zu und sagt spöttisch: "Na ja. Wann i di heiraten soll - und das willst mir doch sagen, nit? - dann hab i wohl 's Recht, z' fragen, von wem der Segen herstammt!"

anz tief drinnen in seinem verwüsteten Herzen tun ihm die hässlichen Worte selber weh. Aber ein unbegreiflicher, starrer Trotz und der Gedanke, dass er schuldig an ihr geworden in doppelter Hinsicht, lassen ihn das gute, erlösende Wort nicht sagen. Er fühlt, er müsste sie jetzt recht lieb in den Arm nehmen und sagen "verzeih mir" - ja, das müsste er - aber dagegen bäumt sich sein trotziger Eigensinn auf. In dieser Stunde zerbricht er das Leben der Vroni. Das Leben des einzigen Menschen, der ihn liebt mit einer grenzenlosen, gekreuzigten Liebe. Auch in dieser bittersten Stunde ihres Lebens. Sie möchte aufstehen, hinausgehen in den winterlichen Wald, irgendwo hin... aber sie hat die Kraft nicht dazu. Kauert nur klein und demütig am Schemel und ein trockenes Schluchzen schüttelt sie.

einende Mädchen mag der Engl nicht leiden. Er sucht nach einem Weg, wie er sie bei gutem Wind loswerden könnt. So versucht er einzulenken und brummt: "Na ja, mach doch nit so a Wesen. Bist ja nit die Oanzige mit an ledigen Kind..." Da hebt die Vroni ihr weisses Gesicht, ihre brennenden Augen zu ihm. Kniet vor ihm auf dem schmutzigen, ausgetretenen Fussboden und streckt ihm die Hände entgegen in todwundem Herzeleid:
"Hilf mir, Engl - hilf mir! Sag mirs, bei der heiligen Muatter - sag mir's: warst du damals bei mir in der Nacht - du - oder wer war's?"
Ihre Not könnte einen Stein erweichen. Der Engl windet sich um die Antwort:
"Vroni, i schwör dir's: i woass von nix! San a andere Jager unterwegs gwesen am selbigen Abend... i wollt ja zu dir kemmen in der Nacht, han mi aber dann doch nit traut, zwegn den Grafen..."
Mühsam, wie unter einer zentnerschweren Last, schleppt sich die Vroni den stundenweiten Weg zur Huben hinauf.

tundenlang hockt der Engl auf seiner Pritsche, stützt den Kopf in die Hände und brütet dumpf vor sich hin. Aber die Bilder heimeliger, trauter Gemeinsamkeit mit der Vroni vermögen ihn nicht mehr zu locken. Wohl, er hat einmal gemeint, es müsste gut sein, ein Daheim zu haben, aber das waren kindische Gedanken! Er hat der Vroni das Heiraten versprochen - und zufällig hat er's bei ihr sogar ernst gemeint. Aber davon stirbt man nicht, Vroni - wirst es auch überleben!

"a, heiraten mag i nit!" sagt er plötzlich laut, steht auf, nimmt die letzten Guldenzettel von der Vroni ihrem Teil, schnallt sich die Brettl an und saust hinunter nach Johnsbach - ins Wirtshaus.

 

ortsetzung Kapitel 14!