ergnot - Kapitel 14
ie Schneemassen sind geschmolzen, die Bergwiesen übersät mit Schlüsselblumen. Wohl stehen Ahorn und Buche noch kahl, aber an den Hasel- und Erlenbüschen zeigen sich schon zarte, grüne Spitzen. Die stillen, einsamen Waldweglein werden wieder gangbar. In Wald und Alm regt sich neu das Leben.
a trifft der Engl eines Tages ganz unvermutet mit der Lore zusammen. An einer jähen Wegbiegung im Wald stehen sie sich plötzlich gegenüber. Er auf dem Gang durch das Revier, in der schmucken, grünen Jägerkleidung - sie im leichten, hellen Kleid, im Begriff, der Vroni einen Besuch zu machen. Einen Augenblick lang bannt beide ihr eigener Herzschlag. Dann blitzen hier wie dort die Augen auf und reden eine deutliche Sprache. Es ist eine Kampfansage! Unter des Engel finster zusammengezogenen Brauen zuckt ein wilder Blick - voll Hass, voll Zorn und Verachtung.Sie blinzelt aus halb geschlossenen Lidern lauernd, spöttisch, herausfordernd zu ihm auf.
eine Stimme klingt grell, da er nun endlich den Mund auftut:
"Schau schau - der brennende Dornbusch!"
A seltsams Unkraut in mein' Revier!"
Sie tritt hart vor ihn, ihr Gesicht ist nah unter dem seinen, ihre Stimme verhalten:
"Geh mir aus'n Weg, Jager, - i kenn einen, der sich am Dornbusch die Händ zerstochn und das Herz verbrennt hat!"
"So - meinst?"
abei umfassen seine Finger mit hartem Griff ihren Arm. Sie gibt sich den Schein, als wolle sie sich wehren, - dennoch sind sie sich so nah, dass er selbst durch sein Lodengewand die weichen Rundungen ihres Körpers spürt. Sekundenlang bohrt sich Aug in Auge - roh, gewaltsam wird sein Zugriff: "...rotschädlerte Hex du..." keucht er mit knirschenden Zähnen, dann stürzt er sich wild auf ihren Mund, seine Zähne graben sich in die kühlen, roten Lippen. Kein Liebeswort fällt in die Waldesstille, kein inniges Sich-verschenken, kein erlösendes Ineinander-ruhen krönt diese Stunde - es ist ein gieriges an-sich-reissen, nur ein herrisches Nehmen und Besitz ergreifen!
hre Herzen streben auseinander, ihr brausendes Blut treibt sie zusammen. Voll Hass und Grimm, in ungezügelter Leidenschaft, zwingt er sie unter seinen Willen. Schleudert sie dann von sich: "So - nun magst gehn - i frag nimmer nach dir - bist ja dem Teufel selber zu schlecht, du..." Der Ausdruck ihres Gesichtes ändert sich nicht. An einen Baumstamm gelehnt, schaut sie über ihn hinweg, ein glimmendes Licht in den Augen: "Kannst ja doch nit los von mir - du - Knecht meines Vaters..."
s war keine schöne Stunde, die Stunde der Begegnung im lenztrunkenen Wald. Die Lore hat den angeblich geplanten Besuch nicht gemacht, In triumphierender Freude geht sie wieder heimzu. Und jeder Herzschlag sagt ihr: er ist mir nicht verloren, er gehört immer noch mir...
Der aber rennt ohne Pfad und Steig bergan - bis zu den Felswänden, an denen die gelben Gamsveigel nicken. Aber er sieht keine Blumen, hört nicht einmal den Wind, der in den Felsen singt und wild über die Höhen braust. Nur das Hämmern in seinem Hirn: "...kannst nicht los von mir... Knecht meines Vaters..."
Auch der zornige Juchzer, den er ins Tal hinunterschickt, vermag das Hämmern nicht zu übertönen: "...Knecht meines Vaters - kannst nicht los von mir..."
eltsam, denkt der Graf Hunsfeld, den Engl nachdenklich anschauend, seltsam - schad um den Burschen, der sieht ja ganz verlottert aus! Und wie er dreinschaut! So finster und zergrübelt... Für den wirds aber Zeit jetzt, der muss heiraten!
"Na - wann wird denn nun Hochzeit?"
en Engl drückt kein Gewissen - er hat auf diese Frage gewartet und hätte sie der Graf nicht von sich aus getan, so hätt er's schon eingefädelt.
Er hat sich einen Plan ausgedacht - o, es ist ein arger, böser Plan! Doch das Wiedersehen mit der Lore, seine wütende Gier nach ihrem weissen, kühlen Leib -ach, davon ist alles verschüttet, was noch gut und anständig in ihm war...
r hockt auf dem Schemel, schaut nicht einmal auf, wie ihn sein Herr anredet, brütet dann eine Weile finster vor sich hin und brummt dann mürrisch: "Ja - jetztn muass's ja sein!"
Der Graf lacht hellauf: "Na du - scheinst ja nicht besonders erfreut - macht ein glücklicher Bräutigam so ein saures Gesciht?"
Ganz bös und finster schaut er drein, der JAger.
"Na ja," sagt er zwider und bedeutungsvoll, "weil i halt hiaz die Vroni heiraten m u a s s !"
Jetzt versteht er mit einem Schlag, der Graf.
"Was - was sagst du da?"
Dem Engl lacht das böse, harte Herz.
ie gut doch, dass er noch nie ein Wort von seinen früheren Gedanken um die Vroni hat verlautbaren lassen! Wie gut, dass der Graf von all dem nichts weiss, was früher war! Und wie gut kann sich der Engl verstellen! Der Graf ist von dem trotzigen Vorwurf in seinem Gesciht betroffen - er, der gewöhnt ist, in Menschengesichtern zu lesen, sieht im Augenblick nur seine eigene Schuld...
it langen Schritten geht er auf und ab. Bleibt dann am Fenster stehen, schaut hinaus auf die Bergwiesen und die dunklen Wipfel. Alter Narr, schilt er sich selber, war denn das wirklich nötig? Dabei weiss ich gar nimmer, wie diese Vroni überhaupt aussieht... Wohl, jung ist sie und ihre Stube ist sauber und gemütlich... und - na Herrgott nochmal,, da muss doch der Kerl, der Engelbert, nicht so ein sauertöpfisches Gesicht machen! Ist ganz gut, wenn er die Vroni heiratet, er verplempert sich ja nur, wenn das so weiter geht! Oder hat er am End eine andere gern? ... Ah, papperlapapp... er trommelt unbewusst mit den Fingern gegen die kleinen, trüben Scheiben. Was da, Unsinn, Gernhaben! - Warum sollen zwei, die sonst ganz vernünftig sind, nicht miteinander hausen können, wenn die nötige Grundlage da ist? Und die, ja, die werd ich ihnen schon schaffen! Hab ich nicht auch meine Gilda geheiratet, weil es unsere Väter so gewollt haben? Hab sie zuvor kaum dreimal gesehen und doch haben wir gut zusammen gelebt, nun schon fast vierzig Jahre! Froh sein sollt er, dieser rebellische Wildling mit dem harten Alpenschädel...
Der Graf nimmt seinen Rundgang durch die Stube wieder auf. Verdammt, es ist gar nicht so leicht, bei dieser dummen Geschichte den rechten Anfang zu finden!
er Engl hockt immer noch am Schemel vor dem Ofen und bearbeitet ingrimmig die Jagdstiefel seines Herrn mit Schuhschmiere. Er zeigt wieder eine gleichgültige, unbeteiligte Miene, so, als habe er das Gespräch von vorhin schon abgetan. Als sei es weit weniger wichtig wie die Stiefel da. Er kommt seinem Herrn auch nicht ein bisschen entgegen - er, der beste Jäger und Bergsteiger, darf sich das erlauben. Und weil ihm in den letzten Wochen die Silberbatzen nie ausgegangen sind, die ihn zu einem beachteten Mann gemacht haben, ist er protzig und selbstbewusst geworden....
Dennoch sitzen sie dann über eine Stunde beisammen, der Graf redet auf den Engl ein, der dann und wann mit dem Kopf nickt. Abschliessend sagt der Graf: "Ich werd das sofort - und selber regeln."
Am anderen Morgen verreist er.
rei Tage später ist der Engl ein reicher Mann. Zwei Beutel voll blanker Silbertaler hat er in seiner truhe. Genug, um einen der schönsten Höfe im Umkreis zu erwerben. Dafür musste er dem Grafen in die Hand versprechen, die Vroni so schnell wie möglich zu heiraten, das kommende Kind als sein eigenes anerkennen und auf zu ziehen und dass kein Mensch je über die Sache erfahren soll. Damit muss die Geschichte für alle Zeiten aus der Welt geschafft sein. Ein fester Handschlag, ein paar knappe Dankesworte des Engl - dann gehen sie zusammen nach Johnsbach hinunter und der geheime Vertrag wird mit ein paar guten Flaschen begossen.
er Engl hat seine Rolle meisterhaft gespielt. Er sieht ernst und ruhig aus und nicht das kleinste Aufglimmen in seinen hellen Augen verrät seine geheimsten Gedanken. Erst wie der Graf endgültig für dieses Frühjahr abgereist ist, verschliesst sich der Engl in seine Kammer, zieht die schweren, prallen Silberbeutel aus der Truhe und schüttet den glänzenden Inhalt auf seine Pritsche. Starrt mit funkelnden Augen auf den Reichtum, wühlt seine Hände darein und legt sein heisses Gesicht auf die bleichen, kühlen Scheiben.
etzt ist er allein - kann endlich der aufgespeicherten, wilden Freude, den gewaltsam zurückgedrängten Gefühlen des stolzen Triumphes freien Lauf lassen.
"Mein - alles mein! - Schaut her, ihr alle - ihr, die ihr mich getreten, geschlagen, verachtet habt: Schaut her! - Jetzt bin ich euer Herr, ich, der arme Bub, ohne Eltern und Heimat, der euch für jedes Stücklein Brot die Hände küssen sollte...
Früher hätte ich gebettelt um ein gutes Wort, einen lieben Blick - heute möchtet ihr mich gern zum Bruder, zum Sohn haben! Und wenn ich auch weiss, dass ihr nur vor meinem Geld auf dem Bauch kriechen werdet - ich brauche eure Freundschaft nicht!
Ich bin euer Herr - euer H e r r !
Sonnlechner, wie ist das mit dir? Du hast mir doch die Peitsche ins Gesicht geschlagen, weisst du das noch? Wirst mich wohl noch kennen, wenn wir uns auch lang nicht gesehen haben! Schau nur her, ich hab ja die Narbe noch! Hat gut gesessen, der Hieb - viel zu gut, als dass er jemals vergessen werden könnte! Hol sie nur wieder, deine Peitsche - hol sie, wir wollen jetzt abrechnen!
Und du, Lore? Was meinst du?
Ist er dir noch immer zu schlecht, der schäbige Holzknecht? Oder magst du ihn jetzt, den Knecht deines Vaters? Willst du das Spiel noch einmal versuchen, Lore? Ich bin bereit! - Aber ich sag dir: früher, damals, - da hatte ich noch ein Herz, das ich dir schenken konnte - was hast du getan damit? Du hast es genommen und zerpflückt, wie die kleinen, weissen Margariten, mit denen du gespielt hast! Heute kann ich dir einen Sack voll Taler bringen, schau her, wie viele, nagelneue!
Die könnten doch das Sonnlehen nochmal retten, willst du sie haben? - Aber, Lore, merk es dir: Herz hab ich jetzt keins mehr, dafür ist es zu spät!"
h, er hält grimmige Abrechnung, der Engl!
An alles denkt er, nichts hat er vergessen!
Nur an sein Versprechen, das er dem Grafen gegeben und an die Vroni in ihrer Einsamkeit denkt er nicht.
er Sonnlechner sitzt in der guten Stube hinter dem schweren, alten Tisch, an dem schon sein Urgrossvater sass, wenn es galt, wichtige Dinge auszureden.
Ihm gegenüber sitzt ein grosser, junger Mann im besten Sonntagsgewand und schaut mit hellem, überlegenem Blick in das alt gewordene Gesicht des Sonnlechners. Dem quellen die blutunterlaufenen Augen fast aus den Höhlen. Der da vor ihm steht, sieht nicht aus, wie ein Holzknecht, ein Jäger oder ein Jungbauer, - eher wie einer, der Herr ist über alle diese.
Und doch ist es der Engl - die Narbe ist noch deutlich zu sehen. "Euch gehts nicht gut, Sonnlechner," sagt er ruhig und bestimmt, dass der Alte wegschauen muss.
uffahren möcht er und den Kerl da hinausschmeissen, aber er fühlt sich mit einemmal so schwach, so entsetzlich müde. Und der ihm da gegenüber sitzt, registriert kühl lächelnd jede kleinste Regung in seinem fahlen Gesicht. So wird denn die Antwort nur ein unwilliges Gebrumm. Der Engl freut sich über die Unsicherheit des Mannes, den er als herrisch und selbstbewusst im Gedächtnis hat. "Alte Freunde soll man in der Not nicht im Stich lassen" sagt er mit höhnischem Lachen, zügelt sich jedoch sofort wieder und setzt ernst hinzu: "I hab zu reden mit Euch, Sonnlechner. I könnt Euch helfen..."
enn der Sonnlechner auch gar nichts mehr hat, - keinen Wald, keinen Acker, kein Vieh, das wirklich noch ihm gehört - seinen alten Stolz, den hat er noch. Richtet sich halb auf und knirscht heiser: "Hinaus mit dir, du! Brauch keine Hilf! Von dir schon gar nit! Hinaus, bevor i den Hund...."
Spöttisches Lachen unterbricht ihn.
"Zu was denn so aufbracht? -
Weiss a jeds Kind, wie's steht um's Sonnlehen..."
und weil der Alte wieder auffahren will, steht der Engl auf und sagt laut und fest: "I will die Lore heiraten!" Ein Beutel mit Silbergeld liegt zwischen ihnen und das feine Aneinanderklirren der Taler raubt dem Sonnlechner die letzte Beherrschung. Zusammengeduckt stiert er auf den Tisch, unfähig, ein Wort zu sagen. Nur ein ächzen entringt sich den bläulichen Lippen, die hageren Finger zucken, umklammern wie Krallen das viele Geld: "Soviel... soviel Geld..." lallt er mit schwerer Zunge, "wie kommst du nur zu so viel Geld?..."
er Engl lässt sich Zeit. Er weidet sich an der Gier und Ohnmacht des Anderen. Sieht den letzten Hoffnungsfunken, der noch einmal aufglüht in seinen Augen - rückt dann näher und sagt gedämpft: "Es geht Euch zwar nix an, wie i dazu komm. I habs halt zu was bracht..."
Er kann es nicht unterlassen, das "I" schärfer zu betonen, - fährt aber dann gleichgültig fort: "Hab meinem Grafen das Leben gerettet, wie er sich verstiegen hat im Steinkar. Der Graf hat sich nicht lumpen lassen. Und gut verdient und g'spart han i auch die ganzen Jahr her... I kann 's Sonnlehen wieder so herrichten, wie Ihr's einmal übernommen habt. Mi gfreut's halt, 's Sonnlehen. Is mir doch amal Hoamat gwest..."
er Sonnlechner merkt den spöttischen Ton nicht. Er müht sich, wieder der Herr zu sein, der er früher war. Es gelingt ihm nicht - es ist alles zu unglaublich... Schwankend erhebt er sich, verzieht das Gesicht zu einem verzerrten Lächeln, streckt unsicher die Hand aus: "Alsdann, Schwiegersohn..." Der Engl übersieht die ausgestreckte Hand. Es ist dieselbe, die vor Jahren die Peitsche über ihm geschwungen hat. "Mit der Lore bin i einig," sagt er noch, "in vier Wochen ist Hochzeit!"
ortsetzung Kapitel 15!