ergnot - Kapitel 15
n vier Wochen ist Hochzeit! Der Sonnlechner sagt es jedem, der es hören will. Im Wirtshaus, am Kirchplatz, auf der Strasse; völlig jung wird er nochmal, fast scheint es, als möchte er alles aufholen, was er in Jahrzehnten versäumte. Alles möchte er umkrempeln, er schafft mit dem Gesinde und hat sich auf einmal besonnen, dass er der Herr auf dem Sonnlehen ist, mit allen Rechten und Pflichten...
icht nur ganz Admont, das halbe Ennstal redet von der bevorstehenden Hochzeit. Am Sonntag nach dem Gottesdienst stehen die Weiberleut in Gruppen beisammen, die Männer führen beim Frühschoppen den glecihen Diskurs: sie wissen viel vom Engl, der so ein schneidiger und fescher Kerl ist und von der Lore, die nun noch stolzer dahergeht als bisher.
ie alten Weibeln wissen auch allerhand über die zwei, und die Pfannhuberin, ein gutherziges, altes Mutterl, sagt: "Dös han i lang schon gwisst, dass si dö zwoa gern ham. Er war halt ganz a armer Bua, der Engl. Da hat er nit früher anhalten können um d' Lore. Aber sie hat g'wart' auf eahm, die ganzen Jahr her, trotzdem dass so a Griß war um sie. Is wohl so viel schön, wann si zwoa soviel gern ham, dass s' trotz alle Hindernissen aufeinand warten..." Ein paar Tränlein rollen über ihre eingeschrumpften Wangen, da schnupfen die Weiber rührselig in ihre Schneutztüchel.
a, es wird viel geredet in diesen Wochen um den Engl und die Lore. Und nicht nur Gutes. "Dass er die mag?" zischeln die Dirndln neidisch, die ihn selber gern hätten. "Wer'n wohl zampassen", geifern die andern, "jeder Häfen find't sein' Deckel. Is eh er a nix nutz..."
ie zwei, die's angeht, gehen ruhig ihre Wege - jedes für sich. Der Engl nicht öfter auf das Sonnlehen, als es unbedingt sein muß - und die Lore triumphiert heimlich: Tu nur recht wild - so g'fallst mir beinah noch besser wie früher... kannst ja doch nit los von mir! Und wennst nie im Leben mehr ein liebes Wort find'st für mi - i frag nit danach! Aber mir ghörst und keiner andern! Lass uns nur erst verheirat' sein, - betteln wirst noch um a freundlich's Wort, an guten Blick von mir!
ndessen richtet sich das Sonnlehen für den Festtag. Die schönste und prunkvollste Hochzeit soll es werden, die man in Admont erlebt hat! Bis in die hintersten Keuschen, in die entlegensten Almen dringt die Kunde davon. Nur die Vroni auf ihrer Huben - die hat noch nichts davongehört. Aber daran ist sie selber schuld. Jetzt, wo sie es nimmer verbergen kann, wie's um sie steht, ist sie scheu und flüchtig geworden, wie ein Reh. Ist wohl selten genug, dass ihr wer begegnet, wenn sie nachschauen geht zu ihrem Vieh, in die Rossleiten hinauf oder auf den Radlboden. Hört sie abder dennoch Schritte oder Stimmen in ihrer Nähe, so flüchtet sie in ein Versteck, ins Jungholz, ins Latschendickicht oder in die hochragenden Himbeersträucher. O, sie ist hellhörig geworden, die Vroni und vor jedem Wort, vor jeder Frage, vor jedem Blick hat sie Angst. Wenn sie in ihrer Hüte ist, schiebt sie den Riegel vor - käme der Engl, oh, den würde sie schon am Schritt erkennen! Aber der kommt nicht.
nd dennoch - die Vroni wartet. Ihr zu tode gequältes, gedemütigtes Herz kennt keinen Hass. Wenn es auch wie ein verängstigter, gefangener Vogel flattert, so oft das Kind in ihrem Schoss sich regt - sie beugt sich ergeben in ihr Geschick und spricht den Engl frei von aller Schuld. Alles, alles will sie auf sich nehmen, alles Bittere und Schwere allein tragen - wenn er nur wiederkommt! Und daran glaubt sie. Schlecht ist er nicht, der Engl, nur wild und ungestüm und heissblütig... aber einmal wird er kommen... und darauf will sie geduldig warten.
m ersten Juni-Samstag ist die Vroni wieder oben in der Rossleiten. Ein braunscheckiges Kalb hat sich verlaufen und sie hat schon den ganzen Tag danach gesucht. Nun ist sie müde und muss sich ein wenig hinsetzen. Sinnend betrachtet sie die Almrosenbüsche, an denen die Knospen schwellen. Hier ist der Platz, wo der Engl ihr gesagt hat: "...gut sein ist besser wie schön sein..." und "...magst mei' Jagerin wer'n?" Immer, wenn sie daran denkt, werden ihre Augen blind vor Tränen, vor Herzweh und schmerzlicher Seligkeit. Oh Engl - und wenn alles Leid der Welt über mich kommen müsst, es wär kein zu hoher Preis für die Stunden mit dir... nur verlieren kann i dich nit - du kommst wieder - gelt, du kommst wieder...
ie lange liegt sie nun schon da, im kurzen, harten Gras? Es muss ziemlich lange gewesen sein - mit Schrecken merkt sie, dass die Sonne fort ist und eine schwarze Wolkenwand drohend über dem Steinkar hängt. Mühsam rafft sie sich auf, hastet eilig der Huben zu. Über dem Steinkar zucken grelle Blitze, der Donner brodelt, wird lauter, einzelne schwere Tropfen klatschen nieder. Das Jungvieh rennt plärrend, mit aufgestellten Schwänzen die Halde herunter, dem schützenden Stall entgegen. Hinterdrein keucht ein altes Weiblein, das beim Beerensuchen vom Gewitter überrascht wurde. Ein greller Blitz fährt nieder, ein schmetternder Donnerschlag - die Vroni bekreuzigt sich, "helf uns Gott" - sie hat die Tür geöffnet und lässt die Alte ein. So einen armen, alten Menschen kann man doch nicht vor die Türe sperren bei dem Unwetter, könnt sich ja den Tod holen... In der Stube ist es fast finster.
ie Vroni heisst die Frau am Tisch niedersetzen, sie selber kauert sich in die dunkelste Ecke. Draussen rauscht der Regen. Die Besucherin schwatzt dies und das, doch die Vroni schaut abwesend vor sich hin. Ab und zu nickt sie nur mit dem Kopf - einer anderen Antwort ist sie enthoben, sie weiss, dass die alte Hanna fast taub ist. So dringt ihr Geschwätz nur wie von fern an ihr Ohr "... der Jager Engl und die Sonnlechner Lore..." Oh, sie plaudert munter drauf los, die alte Hanna. Um ihren zahnlosen Mund liegt ein vergnügtes Schmunzeln und die flinken Äuglein blinzeln fröhlich. Erst begreift die Vroni gar nichts - sie hat ja kaum hingehört - aber in dem Redeschwall der Alten kehren drei Worte immer wieder, drei Worte, mit denen die Vroni erst gar nichts anzufangen weiss, die nur weh tun und das Herz verschreckt aufzucken machen: Engl - Lore - Hochzeit.....
ängst ist die alte Hanna gegangen, die Vroni hat es gar nicht bemerkt. Die Sonne scheint wieder durch die Fenster und ein frischer Wind schüttelt die Tropfen aus den Bäumen. Von all dem merkt die Vroni nichts. Wie erstarrt sitzt sie noch immer am selben Platz. Verkrampft die Hände vor dem Leib und schaut mit schreckgeweiteten Augen ins Leere. "Engl ... Lore ... Hochzeit ..."
m Sonntag ist ganz Admont auf den Beinen. Nun ja, ist auch der Mühe wert, bei so einer Hochzeit will jeder dabei sein. Nicht nur das Sonnlehen, alle Häuser, an denen der Brautzug vorbeikommt, sind mit Blumen, Fähnchen und Girlanden geschmückt. Der Sonnlechner hat das so haben wollen, dafür kann jedermann ins Wirtshaus gehen und essen und trinken, so viel er mag. Der Engl wird's bezahlen!
eut schimpft keiner über ihn, heut nennt ihn keiner einen Lumpen, seine arme, niedere Herkunft und sein liederliches Leben in den letzten Jahren sind vergessen. Die Silberlinge, die er jederzeit freigebig, wenn auch stolz und hochmütig, springen lässt, haben alle bösen Reden ausgelöscht. Aber auch die reichen Admonter Bürger ziehen achtungsvoll den Hut vor ihm. Und heute ist alles, vom kleinen Buben, dem hinten noch der Hemdzipfel herausguckt, bis zum alten Weibel, das mühsam am Stock humpelt, in hochzeitlicher Stimmung.
chon seit dem frühen Morgen krachen di eBöller, schmettert die Blasmusik. Und erst, als dann endlich die Hochzeitskutschen angefahren kommen, blumenbekränzt, die Pferde mit Blumen und bunten Bändern geschmückt, da schwillt der Jubel zum Orkan an. Ist aber auch ein schönes Paar, wie man kaum je ein schöneres gesehen hat. Wohl hat der Engl die Jägertracht angelegt, aber sie ist nagelneu und aus bestem Stoff gearbeitet. Und dass er als Bräutigam schon vor der Trauung ein wenig gar zu laut und lustig ist, fällt in dem allgemeinen Lärm gar nicht auf. Und erst die Braut! Eine richtige Prinzessin könnte nicht schöner sein! Vor Staunen und Bewunderung, von der allgemeinen Hochstimmung angesteckt, lassen es sogar die bösmäuligsten Klatschweiber sein, die schneeweisse, mit Kranz und Schleier geschmückte Braut zu kritisieren, obwohl man weiss.......
or dem Kirchhoftor hält der Zug - oh, es ist ein langer Brautzug. Der Sonnlechner hat viele Gäste geladen. Auch der Engl hat alle seine Freunde kommen lassen und das sind nicht wenige! Nur der Graf Hunsfeld, der weiss nichts von der Hochzeit; der meint, sein Jäger habe längst die Vroni geheiratet. Der ist in Wien und kommt erst im Spätherbst wieder. Und bis dahin ist noch lange Zeit.
eisse Mädchen streuen Blumen auf den Weg - vom Kirchhoftor bis zum Altar liegt ein bunter, duftender Teppich aus Narzissen, blutroten Pfingstrosenblättern und Maiglöckchen - aber die Lore sieht es gar nicht. Hoch trägt sie das Haupt mit der goldenen Lockenfülle und schaut stolz und gerade aus. Brausende Orgelklänge, Glockengeläute, der Duft von weissen Lilien und gelben Wachkerzen...
Dann wird es still. Der Pfarrer tritt vor das Paar, stellt an den Engelbert Hochkogler die entscheidende Frage.
Ein paar Sekunden bleibt es still.
Dann klingt seine Antwort laut durch die Kirche, so laut, dass es auch die hören können, die ganz hinten an der Tür oder hinter den mächtigen Pfeilern stehen: "Nein!"
och einen Augenblick lang entsetzte , gelähmte Stille - dann ein kleiner, spitzer Schrei, die Braut sinkt ohnmächtig zusammen. Nun erhebt sich ein Tumult, ein Stossen und Drängen und Schieben, ein heilloses Durcheinander. Die einen bemühen sich um die Lore, die, rasch wieder zum Bewusstsein gebracht, vor Scham und Zorn die Fäuste ballt... Die Verwandten, die Gäste, die Neugierigen - sie können es nicht fassen - war es ein schlechter Scherz?
Weiber kreischen, Männer brummen, der Pfarrer zieht sich ganz benommen in die Sakristei zurück - und der Engl ist verschwunden.
ährend alles noch halb gelähmt war, während man sich um die ohnmächtige Lore bemühte, ist er, von wenigen bemerkt in dem allgemeinen Durcheinander, die paar Schritte gegen den Ausgang zur Sakristei - noch im Gang draussen hat er sein Hochzeitssträussel weggeworfen, ist hinausgerannt in den Stiftshof, durch den Konventgarten, hat die Mauer übersprungen und hastet fort, über die sonntäglich stillen, menschenleeren Strassen, über die Felder hinauf, der Kematen zu.
Weiter, zu den drei spitzen Felstürmen, die man die "betenden Mönche" nennt. Erst in den wilden Felsen bleibt er stehen, schaut hinunter gegen Admont und stösst einen wilden Juchzer aus. "...So, Lore, - wir sind quitt!"
erweil irrt die Vroni im Steinkar herum. Sie hat längst vergessen, dass sie eigentlich ein braunscheckiges Kalbel hat suchen wollen, das sich verlaufen hat... Gehetzt hastet sie hinauf über Geröll und Steilhänge, mit fliegendem Atem und gelöstem Haar. Immer wieder stösst sie wimmernd hervor: "Na, Engl - das tuast nit - das derfst nit..." Verschnauft ein wenig und rennt blindlings weiter, immer weiter, hinauf gegen die Schneid... Sie weiss nicht, warm - sie muss einfach. Steht dann oben in der freien, einsamen Steinwildnis, im sausenden Bergwind.
acht noch ein paar schwankende Schritte vor und schaut hinunter, wo die Felsen steil abfallen... ein Stein fällt hinunter, schlägt ein paar mal klirrend auf und verliert sich im Geröll. Unten, ber den dunklen Wipfeln, kreist ein Hühnerhabicht. Sein heiserer Schrei klingt durch die Morgenstille. Die Vroni hört es nicht. Ihre Augen gehen mit irrem Leuchten hinunter ins Tal, in der Richtung gegen Admont. Aber sie sieht nichts, als die dunkle, unendliche Weite der Wälder. "Engl!" wild und heiss bricht es aus ihr. Sie streckt die Arme aus, beugt sich vor, schaut hinunterin die starre Felswildnis.
a - bewegt sich nicht was da unten? Noch weiter beugt sie sich vor. Eine heisse, irre Freude steigt ihr zum Herzen. Na, Engl! - Es is nit wahr! I habs gwusst, dass d' das nit tuast!
Bist nit bei der Lore, tuast nit Hochzeitmachen mit ihr! Steigst in die Felsen umeinand, wie du's immer tan hast! "Engl!" ruft sie noch einmal mit freudezitternder Stimme. Winkt nicht jemand da unten, hebt sich nicht ein Gesicht ab von den grauen Steinen, ein helles, lachendes?
in Schwindel erfasst sie, sie muss die Augen schliessen. Der Boden schwindet unter ihren Füssen, sie fühlt sich abwärts gleiten - aber es ist keine Angst in ihr... Es ist kein Stürzen, Fallen, - nur ein Fliegen, Schweben... sie lässt die Lider fest geschlossen. "Engl - i kimm"
in dumpfer Aufschlag, rieselnde Steine. Dann ist alles still wie zuvor. Nirgends ein Mensch, stille, unendliche Einsamkeit. Eine Bergdohle kreischt. Und in den Felsen pfeift der Wind.
er Trefflinger hat ein schlichtes, einfaches Holzkreuz aufgestellt, an dem Platz, wo man die Vroni gefunden hat. Die Hände noch im Tod ausgebreitet, ein klaffendes Loch in der Stirn. Die Lippen wie zu einem Lächeln verzogen.
"
ier ist Veronika Hasler beim Kälbersuchen tödlich abgestürzt. Im Juni 1914. - Herr, gib ihr die ewige Ruh."
ortsetzung: Kapitel 16