ergnot - Kapitel 16
an schreibt den September 1914. Da beginnt für den Engl ein ganz neues Leben. Er muss zum Militär. Er, der gewohnt ist, zu tun und zu lassen, was ihm beliebt, dem die Freiheit und das Ungebundensein über alles geht, muss das Kasernenleben kennen lernen!
chon am ersten Tag fängt es gut an. Sind ihrer ein ganzer Schüppel junger Rekruten, die da, noch als blutige Zivilisten, wie eine Hammelherde in die Bekleidungskammer poltern, ohne zackige Haltung und militärische Strammheit - mit geringschätziger Herablassung werden sie von den alten Hasen gemustert.
er Engl ragt mit seiner Länge über alle anderen hinaus. "Hö, du langer Lulatsch, wo bist denn du ausgekommen?"
"Der is wohl vom Himmel gefallen, was?"
Der Engl kümmert sich nicht viel um das Gespött, noch ist er munter und guter Dinge. Mit einem Gewehr kann er umgehen und Schneid hat er auch. Das, kommt ihm vor, ist doch für einen zukünftigen Soldaten das Wichtigste, also kann nichts schief gehen. Aber vom Kommiß selber hat er so wenig Ahnung, wie der Ochs vom Klavierspielen.
er Bekleidungsfeldwebel macht nicht viel Geschichten mit den Neuen. Da kriegt jeder sein kaiserliches Gewand - der Feldwebel schaut nur mit einem abschätzenden Blick den jeweiligen Uniform-Kanidaten an, langt ins Regal, schmeisst dem Neuen mit raschem Griff seine Montur hin, sagt "passt! Der Nächste!" und meistens "passt" es ja auch so annähernd. Schließlich müssen die "Neuen" ja nicht gerade mit Massanzügen herumspazieren! Nur beim Engl macht das Schwierigkeiten. Der Feldwebel hebt sein rotes, rundes Gesicht zu ihm auf, mustert ihn kritisch und zwirbelt zornig sein schwarzes Schnurrbärtchen.
"
o was schickt man zu mir? So was? Wie kommen Sie denn zum Militär? Sie sind ja nicht normal!" Fuchtig wirft er Hosen, Hemden, Socken und Mützen durcheinander. Der Engl steht geduldig und wartet. Der Feldwebel hält ihm eine Hose vor den Bauch - die Weiten, ja, die tät - aber die Röhren reichen nur bis zum Knie. Ein neues Donnerwetter loslassend, wühlt der Kammergewaltige wieder in den Hosen und findet endlich, was ihm gut dünkt. Ein riesiges, weites Trumm, eine gut genährte Bäurin hätte leicht drinn Platz - an den Beinen gehts allerdings nur bis zur Wade...
"
asst!" schnauft der Feldwebel und drückt dem Engl die Riesenhose auf den Arm. Also könnt er jetzt gehen, der Engl. Er tut es aber nicht, dreht die Hose ein paarmal hin und her, legt sie dann mit Nachdruck auf den Tisch zurück und sagt: "Na. - Dö passt nit!"
Der schwarze Schnurrbart in dem roten Gesicht zittert bedrohlich. "Passt, sag ich!"
Der Engl rührt sich nicht vom Fleck. Schaut auf den Feldwebel herunter und sagt ruhig: "Ihna vielleicht. Mir nit. Sö hätten am End dö Breiten..." und will dem Feldwebel die Hose vor dem Bauch probieren. Da kommt er aber schön an."
immelkreuzkruzitürken" donnert es ihm entgegen, "wenn ich sag, 'passt', dann passts auch! Und jetzt rrraus!" Der Engl schüttelt den Kopf, aber er geht dann doch. Einen Närrischen soll man nicht reizen, denkt er. Hinter ihm brodelt und faucht es: "Kommen die jungen Rotznasen daher, noch nass hinterm Ohrwaschl, und wollen unsereinem was befehlen! Aber wart, Bürschel, du wirst gedrillt, du wirst Mores lernen!"
ine Stunde später sollen die Neuen zum erstenmal im Kasernenhof antreten. Schon zum Drittenmal hat der Diensthabende gepfiffen, so laut, dass es durch Mark und Bein geht und auch die Säumigsten aus der Stube rumpeln. Nur der Engl rauft sich noch immer mit seiner Hose herum. Es hilft nichts - sie passt nicht. Da ackt ihn der Zorn. Schmeisst das missratene Ding auf seine Pritsche, geht zu seinem Holzköfferchen und langt sich die kurze "Lederne" heraus, mit der er gekommen ist und steigt hinein. Dann die Feldbluse an, die Mütze auf den Kopf und wenn es ihm alles auch ein wenig gspassig vorkommt, die Lederne passt wenigstens!
anz gemütlich schlendert er über den Hof, wo eben die neue Kompanie aufgestellt wird. Einer mit ein paar Sterndl am Rockkragen müht sich, Ordnung in den Haufen zu bringen und schiebt die Neuen energisch durcheinander. Das braucht was, bis so ein Rudel Halbwilder der Grösse nach geordnet ist! Zudem brennt die Sonne unbarmherzig auf den grauen Sand; der "Gelbe" schwitzt mächtig und unterstreicht seine Tätigkeit mit brüllenden Zurufen. Der Engl nähert sich langsam seinen Kameraden und stellt sich halt irgend wohin.
a erhebt sich ein brüllendes, wieherndes Gelächter - nur der "Gelbe", der lacht nicht. "Da gibts gar nichts zu lachen, ihr..." donnert er wild in die Menge - weiter kommt er nicht. Mit vorquellenden Augen stiert er den Engl an; vor Zorn wird sein Gesicht blaurot, er hüpft wie ein zum Platzen geblähter Frosch nach vorn. Er ist wahrhaft kein Neuling mehr und weiß ein Lied zu singen vom Kommißleben - aber dass einer mit der kurzen Lederhose zum Antreten gekommen wär, nein, daran kann er sich nicht erinnern! Die Mütze hebt sich beinah über seinem Haupte vor gerechter Empörung, wutzitternd sucht er die durchschlagendsten Brocken aus seinem gewiss nicht geringen, militärischen Wortschatz zusammen - aber es wird nur ein wildes Pfauchen und Zischen draus: "...pff - pff - wollen Sie mich frozzeln, Sie?"
er Engl steht in entwaffnender Unschuld vor ihm. Er begreift nicht, dass man sich wegen einer Lederhose so aufregen kann - fast hat er Angst, den Besternten könnt der Schlag treffen und er möcht ihm gern was Beruhigendes sagen. Aber er hat keine Ahnung, wie man einen mit drei Sternen am Kragen anreden soll; und weil ihn die Sterndln an die Schandarmen erinnern, sagt er treuherzig: "Aber nit amal denken, Herr Inspektor!"
nzwischen hat sich der Gelbe gesammelt; vom spinnerten Hundling im gefährlich grollenden piano über den verfluchten Himmelhund bis zum dreimal vermaledeiten Regimentstrottel im schrillen, zeternden allegro furioso ergiesst sich der Strom militärsicher Fachausdrücke über den betroffenen Neuling. Es endet mit der eindeutigen, keinen Widerspruch zulassenden Aufforderung, binnen einer Minute in anständiger Aufmachung wieder zu erscheinen...
Bitt' schön, mir is's wurscht, brummelt der Engl, wie er in die kaiserliche Hose steigt. Er muss sie mit beiden Händen festhalten, damit sie nicht über die Hüften rutscht.
ber wenn sie's durchaus so haben wollen? Wie er wieder über den Hof latscht, inspiziert der Kompanie-Chef bereits die neue Truppe. Das Brüllen des Gelben ist verstummt. Der Engl möchte sich unauffällig in die Reihe schmuggeln, da weist der Finger des Silberbetressten schon auf ihn, als möcht er ihn aufspiessen.
"
as soll denn diese Vogelscheuche bedeuten?" Dem Engl wird es langsam zuviel. Aber noch beherrscht er sich. "Wie steht Er denn da? Geb Er die Hände herunter!" Der Engl zaudert, die Hose rutscht. "Geh Er zehn Schritte vor!" Der Engl geht. Die Hose rutscht. Beim dritten Schritt über die Hüften, beim fünften über die Knie und beim achten muss er stehen bleiben. Die Hose ist auf die Schuhe hinabgeglitten.
en Zärtlichkeitsausbruch, der nun über ihn herunterdonnert, begreift er zum Glück nicht Wort für Wort - trotzdem! Jetzt reicht es ihm! Er schreit, dass es weit über den Hof hallt: "I habs dem Teppen durt in sein' Lumpenkammerl eh gsagt, dass 's mir nit passt, aber..." weiter kommt er nimmer. Denn was jetzt folgt, kehrt alle seine positiven Vorstellungen vom K.u.K. Alpenjägerregiment ins Negative! Der Kompanie-Chef ist aufgebracht und verärgert. "Geben Sie den störrischen Esel zur Truppe vom Zugsführer Fischling! - Der wird ihn schon gleichbiegen!"
o also stürzt der arme Soldat Hochkogler mitten hinein in sein Unglück. Der "Fisch" ist als der grösste Schinder des Regiments bekannt - und der Engl ist von allem Anfang das schwärzeste Schaf unter seinen Lämmern.
rotzdem er nach einem neuen, gefährlichen Zusammenstoß mit dem Kammerbullen endlich eine wenigstens halbwegs passende Hose bekommen hat, heisst es schon beim Antreten: "Hochkogler, Sie fallen mir auf!" Und so geht das weiter. Beim Stehen, beim Gehen, beim Grüssen - immer wieder fällt er auf. Dann heisst es Straf-exerzieren, stundenlang, im strömenden Regen, in der glühenden Sonne. Wenn die Anderen Ausgang haben, gibts für den Gemeinen Hochkogler Stubnarrest.
och immer verschliesst er seinen Zorn tief in der Brust, aber gerade das Sture, Gleichmütige, macht den Fisch rasend. Und er schwört sich, diesen verdammten, dickhäutigen Urwaldtrottel so lange und so ausgiebig zu schleifen, bis er endlich klein und weich und mürbe wird... Und wenn sich der Fisch sowas vornimmt, dann wehe dem, den das betrifft!
er Engl hat aber inzwischen soviel gelernt, dass er weiß, dass man nur "Jawohl!" und "Zu Befehl!" sagen darf, dass ein Aufmucken gegen den dienstlichen Vorgesetzten sehr gefährlich ist und dass das Davonrennen, oder Desertieren, wie sie das nennen, und was man am liebsten täte, mit dem Tod durch Erschiessen bestraft wird... Dennoch denkt er immer wieder daran, dem Fisch bei Gelegenheit einmal die Zähne einzuschlagen und zu türmen. Aber bis jetzt - es ist bereits die vierte Woche - war keine Gelegenheit dazu.
er Fisch aber ist wahrhaft genial im Erfinden neuer Schikanen, und am Samstag, wie die Kameraden Ausgang bekommen, wird der Engl "wegen dauernder Widersätzlichkeit im Dienst" für eine Stunde angebunden. Die Hände werden nach hinten gebogen und mit einem Strick an einen Baumstamm gefesselt, so hoch, dass gerade die Zehenspitzen den Boden berühren. Es ist eine qualvolle Lage und ermöglicht keine Bewegung. Er knirscht mit den Zähnen vor Schmerz und Wut, aber er sagt kein Wort. Ein Stück vor ihm sitzt der Fisch auf einem Klappsessel und raucht geniesserisch eine Zigarette nach der anderen.
undemüde und zerschlagen liegt er dann auf seiner Pritsche. Neben ihm hockt der Steffl Prieler, der auch Stubenarrest ausgefasst hat. Der schaut voll ehrlicher Teilnahme auf den ziemlich erschöpften Kameraden und sagt:
"Der Fisch is a Drecksau!"
Zur Bekräftigung spuckt er ausgiebig auf den Boden und tritt mit dem Stiefel drauf. Der Engl stützt sich auf die Ellbogen und richtet sich halb auf: "Du, Steffl," sagt er mit zornheiserer Stimme, "Dir sag i's: 's nächstemal, wo er mi schind't, der Hundling, der miserablige, spring i eahm ins Gfries! So ausgiebi, dass er a paar Wochen ins Lazarett muass!"
Bekümmert kratzt sich der Steffl hinterm Ohr: "Dös geht nit! - Nachher muasst zan Regimentsrapport und dann kummst vors Kriegsgericht! Und nachher..."
"Was nachher?"
Der Steffl verdreht die Augen und macht mit der flachen Hand eine bezeichnende Bewegung zum Hals.
"Meinst?" zweifelt der Engl.
"Bestimmt!" bestätigt der Andere.
ine Weile bleibt es still, der Engl döst vor sich hin und der Steffl schaut einer Fliege nach, die durch die Stube summt. Dann nimmt er das Gespräch von vorhin wieder auf:
"Wann er mit mir so verfahret, i kunnt mi ja a nit beherrschen, meiner Seel, abkragln tat i 'n wia a Kalbel..."
Und weil der Engl nichts sagt und nur finster in ein Eck stiert, nimmt der Steffl die Pfeifen, stochert andächtig drin herum, klopft sie aus und brodelt vor sich hin: "Wissen möcht i nur, was der Fisch in Zivil is. Gwiss ni Gscheites. Wahrscheinli hat er a hantige Alte und nix z'reden dahoam." Er hat die Pfeife neu gestopft und in Brand gesetzt. Sein Gesicht verschwindet völlig hinter blauen Wolken. Das stimmt ihn wieder friedlicher.
"In a paar Wochen soll er uns lecken, der Fisch. Mir kemmen nachher zur Marschkompanie und dann gehts aussi an d' Front. Wirst sehgn, da is's dann weit gmüatlicher..."
ie nächste Woche fängt mit einem trüben, nasskalten Herbstwetter an. Das findet der Fisch günstig, um mit seiner Truppe hinaus vor die Stadt zu marschieren und auf den lehmigen Äckern hinter einem grossen Bauernhof eine Übung im freien Gelände abzuhalten. Zur Verstärkung nimmt er auch noch den Korporal Strohmacher, genannt Strohschädel, mit seiner Truppe mit, der auch allerhand vom Drillen versteht.
u einer solchen Übung in der Nähe eines Bauernhofes gehört auf alle Fälle das Robben über den aufgeweichten, regennassen Düngerhaufen. "Auf - nieder! Auf - nieder! Auf - nieder! ...." Wohl hundertmal jagt er sie durch den dicksten Mist, steht daneben, die Hände in den Manteltaschen und schaut mit sichtlicher Genugtuung zu. Endlich lässt er antreten. Höhnisch mustert er die verdreckten Uniformen, die beschmierten Gesichter. "Na, meine Kinderchen, ihr seht ja niedlich aus! Ihr Dreckschleudern, ihr Mistwalzen! Beschmutzt man so das Ehrenkleid des Kaisers? Korporal Strohmacher wird euch in die Kaserne führen - in einer Stunde seid ihr wieder da! Verstanden? Und die Uniform ist dann picksauber - wie neu muss sie sein! Abmarsch!!"
in paar Schritte - dann brüllt der Fisch: "Halt! Habt Acht! Hochkogler, Sie fallen mir ja schon wieder auf! Vortreten! Sie stehen ja da wie ein Firmling! Wollen sich wohl vom Montur-Reinigen drücken, was! Das Kind braucht eine Nachhilfestunde, was? Ich werde ihm Spezialunterricht geben!" Er schickt die Truppe unter Führung des "Strohschädel" in die Kaserne und nimmt sich den Engl vor. "Auf - nieder! Vor - zurück!..." Dem Gedrillten rinnt die Nässe und der Dreck aussen und innen herunter. Der Fisch spielt mit einem Zweikronenstück, tritt dann hart an den Rand der Jauchengrube und heisst den Engl herkommen. Höhnisch und herausfordernd blickt er ihm ins beschmutzte Gesicht.
er hat ein drohendes, zornglühendes Licht in den Augen. Aber der Fisch versteht die stumme Warnung nicht. Er lässt das Geldstück in die Jauche fallen. "Heraufholen!" Jetzt erkennt er die Gefahr - aber es ist zu spät. Er fühlt sich von zwei eisenharten Pranken erfasst, hochgehoben - und ehe er schreien kann, schlägt die schmutzig-braune, übelriechende Brühe über ihm zusammen. Und weil er in seinem namenlosen Schrecken zu spät nach Luft schnappt, erwischt er auch ein tüchtiges Maulvoll davon.
ls er dann triefend, spuckend und gurgelnd aus dem unfreiwilligen Bad steigt, ist der Engl verschwunden, als hätt ihn der Erdboden verschluckt.
ortsetzung: Kapitel 17