ergnot - Kapitel 18

ls er nach langen Stunden, nach todähnlichem Schlaf die Augen öffnet, blinzelt die Wintersonne müde durch die Fugen und Ritzen an der Wand. Das Bergheu knistert und duftet. Lange noch liegt der Engl, befangen vom Schlaf. Das Denken fällt ihm schwer. Er braucht viel Zeit, sich zu besinnen. Immer wieder verwirren sich die Gedanken. Er fühlt etwas Hartes in seinen Taschen und ohne es recht zu merken, beisst er in eine Rübe, zerkaut sie, nimmt noch eine und wieder eine. Langsam erwacht die Erinnerung an das, was zuletzt war. Er zergrübelt sein Hirn, wo nur die Vroni sein könnte... Das fremde Gesicht dort am Fenster fällt ihm ein, der entsetzte Angstschrei - und plötzlich kommt es ihm zu Bewusstsein, dass er in der Rossleiten in der Heuhütten ist und dass jeden Augenblick jemand kommen kann - gehetzt jagt er davon.

och immer ist es ihm nicht klar, wo er hin soll. Höher hinauf, hat keinen Sinn - verhungern und erfrieren kann er weiter unten auch, wenns schon unbedingt sein muss. Er denkt an die verlassene Almhütten in der Flitzen - im Winter wär er dort ziemlich sicher. Verirrt sich kaum einmal wer in diesen einschichtigen, tief verschneiten Winkel... Wo aber was zu essen hernehmen? Noch ist der Schnee nicht tief, aber es ist höchste Zeit, sich um ein festes Winterquartier umzusehen. Über Nacht kann es so viel schneien, dass man ohne Schi oder Schneereifen nicht mehr weiter kann. Wie aber soll er die Vroni finden? Ob er doch einmal vorsichtig nachschaut bei seiner alten Behausung, der Jagdhütte? Vielleicht könnt er sich wenigstens die Brettl und seine Büchse holen, dann wär alles gleich leichter... Und irgendwie muss er auch die Vroni finden.

r findet sie schneller, als er ahnen konnte. Bei seinem planlosen Herumirren im Wald und auf den verschneiten Hängen trifft er plötzlich auf ein Kreuz. Ein Kreuz, an das er sich nicht erinnert. Und er kennt doch jedes Gedenkkreuz, jeden Bildstock in der Nähe. Eine eiskalte Hand greift nach seinem Herzen... "Hier ist Veronika Hasler beim Kälbersuchen tödlich abgestürzt. Juni 1914." Er starrt die ungelenke Bauernhandschrift an. Veronika Hasler... Vroni! Beim Kälbersuchen... nein. Das ist nicht möglich. Hier hat die Vroni keine Kälber gesucht. Da herüber können ihre Kalbeln ja gar nicht, ist ja der Wildzaun dazwischen. Oder hat einer das Tor offen gelassen?...tödlich abgestürzt... abgestürzt? die Vroni abgestürzt? Das ist ja gar nciht denkbar, sie war nicht waghalsig, die Vroni, jeden Schritt hat sie genau überlegt... sie ist doch mit ihm öfters im Steinkar oben gewesen. Tödlich, Engl, tödlich abgestürzt, steht da!

ot ist sie, die Vroni, es ist zu spät, endgültig zu spät! Du brauchst sie nimmer suchen! Im Juni 1914. Er hockt vor dem birkenen Kreuz im Schnee, vergräbt das Gesicht in den Händen. Vroni - Vroni! Eine grausame Erkenntnis steigt in ihm auf, frisst sich unabweisbar, unerbittlich in sein Herz: Du, du selber hast sie umgebracht... Er sieht sie vor sich in der Jagdhütte, auf dem Fussboden knieend, die Hände flehend erhoben... hilf mir, Engl, bei der heiligen Muatter, hilf mir... du oder wer wars? Und sein eigener, trotziger Schwur: I weiss von nix... Irgendwann im Sommer hätt es doch kommen müssen, das Kind... Das Kind, an dem er die Schuld trägt und das doch nicht sein Kind ist... die Schuld - die Schuld!

h, es ist ein schwerer, ein unübersehbarer Berg von Schuld, der sich da auftürmt... das Versprechen - das Geld - und vor allem: Die Lieb', die grenzenlose, gläubig vertrauende Lieb der Vroni - er hat sie mit Füssen getreten, weggeworfen, verachtet...
Juni 1914. Alles hat damals von der Hochzeit geredet, der Hochzeit vom Engl und der Lore. Von der Vroni hat niemand geredet, niemand... Aber wer hat denn schon von ihrer Existenz gewusst? Einschichtig und vergessen lebte sie in ihrer entlegenen Huben... Der Engl dreht und windet sich vor seinem eigenen Gewissen. Dem Gewissen, das so lange tot war und nun mit einemmal mächtig und anklagend aufsteht.

ief krümmt er sich zusammen, bis auf den Boden, auf dem die Vroni ihre Augen für immer geschlossen hat. "Vroni... Vroni..." stammelt er. Ein trockenes Schluchzen schüttelt ihn. Bergdohlen krächzen, ihre dunklen Schwingen rauschen immer näher. "Du - Mörder - Mörder" kreischen sie heiser...

s ist nicht so einfach, zu sterben, wenn man es sich vornimmt. Jetzt, wo sich der Engl sagt, es hat ja alles keinen Sinn mehr, jetzt hat sich der Tod, der seine knöcherne Hand schon nach ihm ausgestreckt hatte, versteckt. Man verhungert auch nicht so einfach und schnell, wie man meinen möchte... Und wenn der Engl auch hinauf ist in die Felsen - es kommt kein Sturm, der ihn in den Abgrund schleudert, so ungeschickt und waghalsig er auch klettert, er rutscht mehrmals ab auf den dünn beschneiten Steinen - Schrammen an Gesicht und Händen und ein Loch im Knie - das reicht noch nicht zum Sterben! Erbittert hämmert er mit der Faust gegen den vereisten Fels: So nimm mich doch! Die Vroni hast du genommen! Soviel andere, nützliche Leben hast du genommen! Mich, den Aussenseiter, den Einschichtigen, mich magst nicht?

agelang treibt er sich in den Felsen herum. Dann spürt er, das Fieber ist wieder da, heftiger als je zuvor. Halb besinnungslos taumelt er herum, weiss nicht mehr, wo er ist und was er tut. Geht einfach irgendwo hin, achtlos, ob ihn jemand sieht oder nicht - es ist ja alles so gleichgültig geworden. Eine Keuschen? Was ist da für eine Keuschen? Oder ist es ein Stall? Angestrengt müht er sich, Klarheit in sein Denken zu bringen... diese Keuschen... wann hab ich denn die schon einmal gesehen? Wann nur? Ein irres Lächeln geistert über sein wächsernes Totengesicht: Jetzt - jetzt hab ich's! Die Vev - die Vev muss da drinn sein...

nd die Vev findet ihn, reglos im Schnee liegend, als wär er tot. Sie kennt ihn nimmer, aber sie hat gehört von dem Deserteur... Sie schaut ihm ins starre Gesicht, fühlt nach dem Herzen. "Wohl, leben tut er noch." Sie schleift ihn in ihr Bett, trotz seiner Länge ist er leicht wie ein Kind. Eilig schiebt sie den schweren hölzernen Riegel vor die Tür, macht Umschläge und braut Tränklein. Und schüttelt zornig die Faust: "A Schand und a Spott, an Menschen so lang jagern und hussen, bis er zamfallt..."

ie weiss nichts vom Militär, nichts vom Exerzieren und versteht nichts von Fahnenflucht. Sie ist nur voller Wut über die Grossschädlerten, das sind bei ihr die Juden, die den Krieg machen. Alles Schlechte kommt von den Juden - haben sie nicht schon den Herrn Jesus gekreuzigt? Das ist der Vev ihre Philosophie. Sie richtet nicht über Recht oder Unrecht, wenn sie den Engl umsorgt, sie sieht nur, da ist ein Mensch, der Hilf braucht! Und da ist die Vev auf ihrem Posten. Strafbar machen? Sollen nur kommen, die Schandi! Werden sich die Zähn ausbeissen!

insam und lang ist der Winter im Gebirge. Nichts wie Schnee, Schnee, soweit man schauen kann. Da verirrt sich nicht so leicht jemand auf die verschneiten Almen, in die versteckten Seitentäler. Höchstens mit den Bretteln könnte man hin, aber die Männer sind zum Grossteil im Krieg und denen, die noch daheim sind, gelüstets nicht, bei dem tiefen Schnee für nichts und wieder nichts in den entlegenen Winkeln herum zu stöbern. Und schifahrende Weiberleut sind eine Seltenheit.

lso hat der Engl in seinem Versteck Ruhe. In Johnsbach vergisst man ihn allmählich und so wird die Gefahr für ihn geringer. Die Vev hat ihn wirklich wieder ganz schön auf die Beine gebracht. Sie hat nie was gefragt und um kein Wörtl zuviel geredet. Als die Krankheit bei ihm langsam im Abflauen war, hat er einmal in einem Gefühl der Dankbarkeit und einem, der körperlichen Schwäche entspringenden Anlehnungsbedürfnis, nach ihrer Hand gefasst und gemeint: "Veverl, das d' so gut bist zu mir?"
Sie hat ihn unwirsch abgeschüttelt. "Red' nit so blöd!" Aber der halbverwilderte, ausgemergelte Kerl hat doch hinter den rauhen, groben Worten die warme Güte gespürt. Und ist gesund geworden.

at sich dann in einen ganz versteckten Winkel, eine alte Almhütte auf der Hinterflitzen zurück gezogen, nachdem die Vev ihm noch einen Platz in der Nähe ihrer Huben bezeichnet hat, wo er von Zeit zu Zeit hinkommen soll, wenn die Luft rein ist. Auf die Huben soll er nur kommen, wenn was Besonderes ist - wenn erst wieder ein gangbarer Weg ist herauf, dann ist's zu gefährlich. Sodann hat sie ihm noch ein tüchtiges Bündel mit Rauchfleisch, Speck und Brot zusammengepackt; nicht einmal auf den Kranewittern, der so scharf ist, dass er einen Toten lebendig macht und einen Lebendigen halb umbringt, nicht einmal auf den hat sie vergessen. Hat ihm dann mit Weihbrunn ein Kreuzl auf die Stirn gemacht: "In Gott's Nam'..."

eit dem haust der Engl wie ein Einsiedler in der Hinterflitzen. In der ersten Zeit liegt er fast immer in der tief verschneiten Hütte auf einem muffigen Strohlager und döst vor sich hin. Manchmal späht er vorsichtig hinaus, sucht nach Spuren im Schnee - aber nur der Fuchs und die Hasen sind stellenweise spürbar. Langsam beginnen wieder Wünsche wach zu werden in ihm und in einer zwielichtigen Abendstunde beschliesst er, nach der Hunsfeld'schen Jagdhütte zu sehen. Brettl und ein Stutzen wären von grösster Wichtigkeit. So watet er durch den tiefen Schnee, durch den Wald bergab. Oft muss er rasten und verschnaufen, er macht weite Umwege und späht vorsichtig nach allen Seiten.

ang, sehr lang braucht er, bis er hinunterkommt. Versteckt sich dann in einen dichten Wacholderbusch und wartet den Abend ab, die Hütte ständig im Auge behaltend. Aber kein Rauchwölkchen, kein Lichtschimmer ist zu sehen. Die Schneedecke weist keine menschlichen Spuren auf.

o gelingt es ihm, die hölzernen Fensterläden aufzuzwängen und einzusteigen. Obwohl er auf den ersten Blick sieht, dass seit ihm niemand hier gewohnt hat, kommt ihm alles fremd, fast feindlich vor. So sucht er seine Büchse hervor und die Brettl, es ist alles am alten Platz. Trotzdem ist es ihm unheimlich hier, er rafft noch ein paar wärmende Kleidungsstücke zusammen und macht, dass er fortkommt. Mit einem erleichterten Seufzer stellt er fest, dass es wieder zu schneien begonnen hat - morgen schon werden seine Spuren verwischt sein und zugedeckt...

ie er das erstemal einen Hasen schiesst, zittert seine Hand. Der Büchsenknall hat scharf und schneidend die Stille zerrissen. Lange hockt er geduckt hinter einem dicken Baumstamm wähnend, es müsste gleich jemand vor ihm auftauchen, ein Jäger mit einem überall herumschnüffelnden Hund, oder gar ein Gendarm: "Im Namen des Gesetzes..." Aber es bleibt alles still wie zuvor. Und als ein paar Wochen hingehen, ohne dass ein menschlicher Laut an sein Ohr gedrungen wäre, fühlt er sich allmählich ganz sicher. Dann und wann rauscht er auf seinen Brettln bergab, zu dem Platz, den die Vev ihm bezeichnet hat; mitten im Wald, zwischen hohen, dunklen Fichten und schneegebeugten Kranewitten ist ein hoher Reisighaufen. Er wühlt Schnee und Astwerk beiseite und findet gut versteckt und sorgfältig verpackt ein Bündel Essvorräte, Tabak und Schnaps. Damit ist es schon wieder eine Weile zum Aushalten...

s liegt bereits ein Ahnen um Frühlingsblumen und Vogelzwitschern in der Luft, obwohl in der Hinterflitzen noch immer nur das schiefe, etwas eingesunkene Dach der alten Hütte aus dem Schnee hervorschaut. Dem Einsamen, der da drinnen haust, wird es zu eng - er weiss selber nicht, was er möchte. Hunger leidet er nicht, es gibt genug Wild - und die Vev versteckt noch immer Bündel mit Esswaren in dem Reisighaufen.

s ist auch kein Gendarm, kein Jäger, kein Holzknecht, der ihn aufstöbert und hetzt und jagt - es ist sein eigenes, junges Blut, das ihn ruhelos durch die verschneiten Wälder treibt. Das ihn an einen Tag, wo die Sonne die weissen Bergspitzen überstrahlt, alle Vorsicht vergessen lässt. Sein versteckter Winkel ist dunkel und düster - kein Sonnenstrahl findet zu ihm. Er hält es nicht mehr aus, schnallt die Bretter an die Füsse und rauscht bergab. Über Halden und Steilhänge, durch schmale Waldschneisen, hinunter bis zu den Heimalmen der Johnsbacher Bauern. So weit hat er sich noch nie heruntergewagt - irgendwie warnt ihn ein Gefühl, mahnt zur Vorsicht, zur Umkehr - aber es ist wie ein Rausch, ein zwingendes Müssen; abwärts fliegen die Bretter, der Schnee stäubt. Steilab in sausendem Schuss, Gräben, Mulden, Hohlwege nimmt er mit fliegendem Sprung.

nd fliegt beinah dem Krumbauern-Lipp auf den Buckel, der auf seinem hochgetürmten Heuschlitten sitzt und grad eine Jausenrast macht. Vor Schrecken fällt ihm der Wurstzipfel aus dem Mund, seine Haar sträubt sich. Der Engl ist gleichfalls erschrocken über das unerwartete Hindernis - er macht eine jähe Kehre, schiesst nach vorn, überschlägt sich mehrmals und kugelt die dachsteile Bergwiese hinunter, bis ihn die Haselsträucher beim Graben unten auffangen.

ben in dem Hohlweg ist der Lipp von seiner Heufuhre gerutscht - er bekreuzigt sich und wagt es nicht, einen Blick hinunter zu tun über die Leiten, wo der Höllische in einer stäubenden Wolke verschwunden ist...

a ist der Engl wieder vorsichtiger geworden. Und sobald die Schneedecke dünner und auf der Sonnseiten löcherig wird, verlässt er sein Winterquartier und versteckt sich weiter oben. Bleibt aber nicht lange an einem Platz und wechselt ständig vom Steinkar ins Haselkar, ins Sulzkar, ins Haindlkar. Im Sommer bezieht er dann wieder das schier unzugängliche Felsenloch am Totenköpfl, wo vor ihm noch kein Mensch hingekommen ist.

anchmal wird die Einsamkeit erdrückend - nichts wie stummer, grauer Stein. Am Totenköpfl wächst kein Halm, kein Strauch, kein noch so bescheidenes Bergblümlein. Kein Käfer krabbelt, kein Schmetterling gaukelt, sogar die Geier und Habichte kreisen tiefer. Nur die Bergdohlen, die Totenvögel, rauschen mit knisterndem Schwingenschlag hart am Felsloch des Engl vorbei. Den treibt es hinaus - es ist eine halsbrecherische Kletterei und hinter jedem brüchigen Felszacken, in den senkrechten Platten der Wand lauert hundertfach der Tod. Aber der Engl gewöhnt sich schon daran - jeden kleinsten Riss, jeden winzigen Vorsprung weiss er, wo die Zehen Halt finden und die Finger sich einkrallen können.

ft ist ihm, als könne er das Leben hier nicht mehr ertragen, er wünscht, zu tode zu stürzen... dann hörten die Gedanken auf... es wäre besser, von diesem wilden, zerklüfteten Felsturm besiegt und getötet zu werden, als wer weiss, wie lange noch, ihr Gefangener zu sein... so treibt er sich oft tagelang im Hochtor oder im Sulzkar herum. Den Stutzen nimmt er überall mit. Trotzdem er ihm bei schwierigen Klettereien hinderlich ist.

nd einmal, der Sommertag ist schön und wolkenlos - sitzt er an der Quelle ober der Sulzkaralm, netzt das Gesicht und die Arme mit dem eiskalten Nass. Legt sich dann ins Gras, träumt in den Himmel und hängt wunderlichen Gedanken nach. Von den Almen herauf klingt das Gebimmel der Kuhglocken. Dann und wann fliegt eine Hummel mit tiefem Gebrumm vorüber. Ein alter Ahorn mit gekrümmtem und bemoostem Stamm spendet Schatten und Kühle - in den Blättern wispert der Bergwind. Dem Engl fallen die Augen zu.

r muss in einen tiefen, ganz tiefen Schlaf gesunken sein - er ist doch hellhörig geworden in seiner Einsamkeit. Aber heute hört er nicht, dass ein eisenbeschlagener Bergstock gegen die Steine klickt, nicht die Schritte, die näher kommen, harmlos, ahnungslos...

a, es ist ein Leichtsinn, aus der schützenden Steinwildnis der einsamen Gipfel herunter zu steigen auf die sanften Hänge.. es ist ein unglaublicher Leichtsinn, wenn man weiss, dass die Begegnung mit einem einzigen Menschen, und sei es auch nur ein Schafhirt oder Wildheuer, Kopf und Kragen kosten kann. Und dann gar noch zu liegen und zu schlafen, als hätte man ein Recht dazu!

er da heraufkommt, in seinen schmutzigen Hemdsärmeln, in durchgewetzten Hosen, mit zerrissenen Schuhen, aus denen die nackten Zehen gucken, ist wirklich nur ein Schafhirt. Noch dazu einer, der nicht ganz richtig im Kopf ist und sich nur durch ein undeutliches Gestammel und Gestotter verständlich machen kann. Er tappt schwerfällig vorwärts, zieht den Kopf ein und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiss von der Stirn. So eine Hitze! Er nähert sich der Quelle, bückt sich - und stösst einen entsetzten Schrei aus. Erst im letzten Augenblick hat er den schlafenden Engl bemerkt und ist nun halb gelähmt vor Schreck. Der Schläfer ist mit einem Satz auf den Beinen und reisst die Büchse hoch - sein erster Gedanke ist, den Schwachsinnigen über den Haufen zu schiessen - aber er bringt es einfach nicht fertig. Aus dem angstverzerrten Gesicht starren ihm schreckgeweitete Augen entgegen. Noch ehe er den Mund auftun kann, macht der Blöde einen jähen Satz und rennt dann mit lautem Gebrüll und Gezeter davon, zur Alm hinunter. Da zieht sich der Engl wieder in die Felsen zurück.

chreiend, zeternd, wild mit den viel zu langen Armen gestikulierend, kommt der Schafhirt zur Sennin auf der Sulzkaralm. Und die Franza braucht lang, bis sie sich so halbwegs auskennt und sie schaut ein wenig verschreckt ins Kar hinauf - also, da oben soll einer sein, ein unheimlicher Gesell, der mit dem Stutzen auf einen wehrlosen, blöden Schafhalter losgeht - helf Gott, da ist man ja seines Lebens nicht mehr sicher! Ängstlich verschliesst die Franza jeden Abend ihre Fensterläden und verriegelt die Tür.

uch in Johnsbach unten fängt das Gemunkel wieder an - die einen meinen zwar, man soll auf das stumpfsinnige Geplapper des "Goggen" nicht zuviel halten, wer weiss, was der zusammen spinnt! Die Andern wiegen bedächtig die Köpfe: Kinder und Narren sagen die Wahrheit... den Weibern gruselts, halb wollüstig, halb schaudernd - sie sind sich einig, da oben im Kar gehts um! Man redet vom Teufel, vom wilden Jäger und manche sprechen es offen aus: der Deserteur, der Engl, der ganz was Schiaches angestellt hat beim Militär...

rotzdem vergehen ein paar Wochen, der Engl streift wieder an den unzugänglichen Stellen herum, krallt sich in schräge Felsplatten ein und schaut scharf hinunter in die Wand, auf die Geröllhalde, den Steilhang überm Latschenfeld. Aber es ist still, ruhig und einsam wie immer. Höchstens ein paar Gemsen, die wie kleine dunkle Flecke über den grauen Fels huschen.

nd weil gar so ein heisser Tag ist, schiebt er sich auf dem Bauch in eine enge Felsnische unter einem mächtigen Überhang, der ihn vor der Sonne schützt. Er ist müde - die Felsnische ist zwar eng und unbequem, aber sie ist kühl und dämmerig. Irgendwo, im Innern des Berges fallen Tropfen, langsam, gleichmäßig. Wie das Ticken einer grossen, alten Uhr. Er schliesst die Augen, nachdem er sich auf den Rücken gewälzt hat. Das Gewehr liegt neben ihm. Und wie immer, wenn er am Einschlafen ist, denkt er an die Vroni - es sind lauter trübe, anklagende Gedanken...

a - ist das nicht ein fremder Laut? Helles Klingen, wie von Eisen gegen Stein? Er ist jetzt hellwach. Angestrengt lauschend. Tropf - tropf - tropf - macht es da hinten in der Dunkelheit. Da wieder - diesmal näher, deutlicher... und jetzt weiss er es mit Sicherheit: da draussen, wahrscheinlich wenige Meter unter ihm, werden Haken in den Fels geschlagen! Die Nerven zum Zerreissen gespannt, hockt er geduckt in dem engen Felsloch und wagt kaum zu atmen. Fieberhaft überdenkt er alle Möglichkeiten.

enn sie ihn finden, gibt es nur eins: den Büchsenlauf durch den Felsspalt schieben - losdrücken! So lange, bis die Luft wieder rein ist! Und dann hinüber zum Totenköpfl! Aber am Ende ist der ganze Berg besetzt und es gibt kein Entrinnen? Unwillkürlich krampft sich die Hand um das Gewehr. Wie, Engelbert Hochkogler? Du möchtest schon wieder morden? Ist es nicht genug an der armen Vroni, die für deinen Leichtsinn, deine Falschheit und Bosheit sterben musste? Und du läufst herum und lebst? Strenge dich nicht an, mein Lieber, du kannst doch nicht aus! Eines Tages ist es so oder so zu Ende mit dir! Auch wenn du vorher ein ganzes Regiment mordest und niederknallst! Und dann heisst es Rechenschaft ablegen, für alles, hörst du, für alles!

rennend starren die Augen nach dem Felsspalt. Aber man kann nichts sehen - nur hören - das tastende Schleifen am Fels, Zurufe - es ist so nahe, und doch kann der im Stein Gefangene nichts verstehen, das Pochen des eigenen Herzens, das Hämmern des Blutes in den Schläfen ist viel zu laut... Sie werden mich nicht finden, denkt er, nein sie können mich nicht finden, wenn ich ruhig in meinem Versteck bleibe! Vielleicht suchen sie gar nicht mich - vielleicht ist der Krieg längst zu Ende und es sind harmlose Bergsteiger?

in brennendes Verlangen zwingt ihn, den Kopf ein wenig unter dem Felsen vorzuschieben - sein erster Blick fällt auf ein Hanfseil, das gerade vor seiner Nase über den Felsvorsprung baumelt, sein zweiter - das Blut erstarrt ihm für eine Sekunde in den Adern - zwei Meter unter ihm hängen zwei Männer in der Wand, zwei Männer in der graugrünen Uniform der Feldgendarmen! In dem Augenblick, da sich der Engl rasch und geräuschlos in das schützende Dunkel zurückziehen will, hebt der, der ihm am nächsten ist, den Kopf - einen Herzschlag lang schauen zwei weit aufgerissene Augen in die seinen - dann ein Schrei, Rufen unter ihm, über ihm... noch während er das Gesicht zurück zieht, klatscht ein Geschoss spritzend gegen die Steine.

er Engl duckt sich zusammen, umkrallt das Gewehr und schiebt den Lauf durch den Spalt. Sie erwischen mich nicht, denkt er fieberhaft, sie können mich nicht erwischen, sie können hier nicht hereinschiessen, der Überhang schützt mich... aber ich kann hinausknallen, sobald ein Schatten auf die Spalte fällt, tu ich es... Sei nicht bös, Vronerl, aber ich kann nicht anders, es geht um mein Leben...

as Seil! Ich brauche nur die Hand ausstrecken, es erfassen und durchschneiden - dann sind zwei weniger! Zwei Feldgendarmen weniger, die nach dem Deserteur Hochkogler suchen! Wie viele werden oben sein, über mir? Sie sind ahnungslos über mich hinweggeklettert - hätte ich mich nicht gerührt, sie hätten mich nicht bemerkt und die Streife wäre ergebnislos verlaufen. Aber sie haben mich gesehen, es gibt keinen anderen Ausweg ich muss sie die Wand hinunter knallen wie die Gemsen. Wenn auch nur einer lebend hinunter kommt, dann wird jede Rinne, jede Wand besetzt werden und ich habe die Wahl, in einem Felsloch, zu dem sie keinen Zugang finden, zu verhungern oder abgeknallt zu werden, sobald ich den Kopf hervorstrecke...

chweiss perlt über die Stirn, rinnt in die unruhig flackernden Augen, das lange, zerzauste Haar klebt im Gesicht. Der Finger krallt sich bebend um den Abzugshahn. Draussen schleift das Seil über die Steine, mit zuckenden Fingern langt der Engl hinaus - reisst und zerrt...
Da, Fluchen, Schreien, Steinepoltern... zittert nicht der Berg? Oder sind es nur die eigenen Hände, die das Seil und den Büchsenschaft umklammern? Aber da - ein deutliches Beben geht durch das Gestein, ein kaum noch menschlich zu nennender Schrei gellt durch die Wand: "Steinschlag!"

er Berg brüllt auf, ein Stöhnen wimmert aus Rissen und Spalten und dann prasselt und donnert es nieder, als wolle das ganze Steinmassiv zu Staub zerspringen. Der Engl drückt sich mit aller Kraft tief in den schmalen Einschnitt, presst die Lippen aufeinander und schliesst gewaltsam die Lider...

ls er endlich aufschaut, ist der Überhang verschwunden. Durch graue Staubschleier blinzelt die Sonne in eine fremde, völlig veränderte Wand. Der Berg hat die Spuren der Menschen hinweg gewischt.

ortsetzung: Kapitel 19