ergnot - Kapitel 2

un ist der ehemalige Stall ein vermodertes Holzhäufel, um das meterhohe Brennessel wuchern. Ein paar große Eschen stehen dahinter, ein Stück bucklige, steinige Leiten liefert das karge Futter für die Geißen - und dann ist der Wald, nichts wie Wald. Der nächste Nachbar ist eine halbe Stunde weiter unten, der kleine Bergbauer Reißegger - aber der kümmert sich nicht um den versoffenen Holzknecht und sein schlampiges Weibsbild. Im Wirtshaus gehört der Wastl in seinem Ofenwinkel schon so zum gewohnten Bild, daß er keinem auffällt.

as sich die Kathl eigentlich gedacht hat, wie sie den kleinen Engl in ihre Hütte geholt hat, kann wohl keiner sagen - recht viel kann sich die Kathl sowieso nicht denken. Die Allerjüngste ist sie auch nicht mehr und ihr Alltag in der stillen, verwahrlosten Keuschn wird nur dann und wann einmal vom Gegröhl ihres betrunkenen Wastl unterbrochen. Der Herrgott wirds wohl gewußt haben, warum die Kathl nie ein Kind bekommen hat - er wollte halt nicht, daß in dieser verschlampten Umgebung eins aufwachsen sollte. Nun hat ihm die Kathl ins Handwerk gepfuscht, indem sie sich den Engl genomen hat.

a liegt er nun in einem alten Wäschekorb, den die Romederin gestiftet hat - auch Kinderwäsche hat sie von ihren eigenen Kindern her noch gehabt und hat sie großmütig dem kleinen Engl überlassen - froh in dem Gedanken, ihn so billig los zu werden. Freilich haben die Dörfler gebrummt und die Köpfe geschüttelt; Die Kathl und ein kleines Kind! - Aber es hat doch keiner Einspruch dagegen erhoben, denn es war ja jeder froh, daß ihm nun keiner mehr nahelegte, das kleine Würml selber aufzuziehen. Na ja, schließlich ists auch gar nicht nötig, daß das ledige Kind einer fremden Dienstmagd vielleicht wie ein Prinz aufwachsen soll.

ie Kathl denkt sich nicht viel, sie läßt sich durch ihren neuen Hausgenossen durchaus nicht in ihren Lebensgewohnheiten stören. Sie gibt ihm Geißmilch, wenn er schreit, legt ihn hin und wieder einmal trocken und ab und zu schaut sie unter ihrem Dahinwurschteln in den Korb und verscheucht die Fliegen. Wenn sie mit der Sichel Geißenfutter schneiden geht, nimmt sie den Engl mit. Dann steht sein Korb hinter einem Stein oder unter einer Hollerstaude und aus den schmutzigen Hüllen gucken ein Paar blaue Kinderaugen noch ziemlich verständnislos in die sommerliche Bergwelt.

rgend einmal ist auch der Wastl dagewesen und hat mit hervorquellenden Augen in den Korb geglotzt. Eine Weile hat sein schnapsumnebeltes Hirn mit dieser überraschung nichts anzufangen gewußt - schief und böse hat er nach der Kathl geschielt, die ohne auf ihn zu achten, an der Feuerstelle hantierte. Ein paar mal hat er den Mund auf und zu geklappt, aber es ist nur ein unverständliches Grunzen herausgekommen. Der Kleine hat weinerlich das Gesicht verzogen und die Kathl hat ihrem Mann einen derben Nasenstüber gegeben und hat gemeint: "Machs Maul zu und geh weg da, du stinkst vom Schnaps!" Er hat auffahren wollen, aber die Kathl hat ihn, der nicht ganz standfest auf den Füssen war, unwirsch zu den Geißen abgeschoben. Dort fiel er wie ein Klotz längelang ins Stroh und schnarchte schon.

ls er sich nach Stunden seinen schmierigen Rucksack herlangt, um ins Holz zu gehen, fällt ihm wieder das Kind ein. "Was is mit dem Balg?" fährt er die Kathl barsch an. "Nix, - da bleibts halt!" gibt sie verbissen zurück. "Wo hast es her, du?"
"'s is der Romederin, was g'storbn is, ihrs." Irgendwo in seinem Hirn dämmert es leise - wie er beim Wirt hinter seinem Schnaps gesessen hatte, war einmal die Rede davon gewesen und wie von ferne in sein karges Bewußtsein gedrungen.

"Und was willst du jetztn damit?" "Na, was epper? - Aufziehn halt!" Ein hämisches Grinsen auf dem bartstoppeligen Gesicht ihres Mannes antwortete ihr. "Du? - Hehehe." Da kommt die Kathl in Zorn. Sie stemmt die Hände kampfbereit in die Hüften: "Und warum nit? - Sind mir die Geiß' auch nit hinworden, wird wohl - " sie deutet auf den Buben und schaut den Mann herausfordernd an. Da muß er still sein, fürs Viehzeug plagt sich seine Alte und es gedeiht ihr. Aber er muß doch noch mal aufmucken. "Na, und ich werd gar nit g'fragt und soll da einfach den Vater spielen, ha?"

ie wendet sich wieder ihrer Arbeit zu, schaut nur nochmal mit halbem Blick verächtlich nach ihm: "Das hats nit not. D' Hauptsach für so a Kindl is d' Muatter, - g'scheiter gar kein Vater, als wie so einer wie du bist!" Eine derart sinnvolle Rede ist der Wastl an seiner besseren Hälfte nicht gewohnt - er stiert sie blöd an - dann stolpert er brummend aus der Tür. Die Kathl grinst zufrieden vor sich hin. Mag er tun, was er will, beim Kind hat er ihr nichts dreinzureden. In einem Gefühl plumper Zärtlichkeit nimmt sie den kleinen Engl aus seinem Korb und betrachtet ihn genau. "Brauchst ja a Muatter, gelt? I werd schon schaun auf dich," brabbelt sie. Damit legt sie ihn wieder hin. Er hat eine Heimat und die Kathl sieht in ihm ihr Eigentum. Der Wastl nimmt ihn von da an achselzuckend, als zum Inventar gehörend, hin. Soll die Alte tun was sie will.

an sollte es kaum glauben - aber es ist schon was Wahres dran, wenn die Leut sagen, daß ein Kind umso besser gedeiht, je weniger damit umgepappelt wird. Die Probe aufs Exempel könnte einer beim kleinen Engl machen. Die Gruberin tut bei Gott nicht besonders heikel mit ihm um. Aber aus dem schmutsstarren Pfaidlein schaut ein kugelrundes, rotbäckiges Apfelgesicht und pralle runde ärmchen und Füßlein. Wie die strengste Winterkälte vorbei ist und der Lahnwind anhebt, da krabbelt er schon munter auf allen vieren zwischen den Geißen umeinand.

päter beim Geißenfutter schneiden stolpert er an der Kathl ihrem Kittelzipf nebenher. Er bricht in helle Jubellaute aus beim Anblick blühender Sträucher und Blumen, seine tollpatschigen Fingerlein fassen ernsthaft nach den duftenden Erdbeeren - oft und oft greift er daneben - grad die großen, überreifen entweichen ihm meist, bevor er sie zu fassen kriegt - hat er aber wirklich einmal eine erwischt, dann hält er sie so fest in der kleinen Faust, daß ihm der rote süße Saft über die Finger quillt.

ar nicht selten passierts auch, daß er im übereifer das Gleichgewicht verliert und kopfüber die steinige Leiten hinunter kugelt, bis ihn ein Krempenhaufen oder ein Brennesselschopf aufhält. Sein Raunzen und Jammern wird von der Kathl, die schon ein bißl törrisch wird, selten gehört und so wird ers gewöhnt, daß er sich selber aus seiner unguten Lage mühsam befreien muß. Oft kommt es vor, daß die Kathl, wenn sie sich zum Heimgehen anschickt, erst den Buben suchen muß und ihn dann, zerkratzt und zerstochen unter einer Stauden schlafend vorfindet.

nd so verrinnt unaufhaltsam die Zeit - ein Tag gleicht dem anderen und dann deckt der Schnee alles zu - und wieder ist ein Tag wie der andere. Sie merken es kaum oben in der Einschicht, wie sich Woche an Woche reiht, dem Winter wieder der Frühling folgt und aus Monaten Jahre werden. Im Dorf hat man das Bübel von der Lena längst vergessen - das ist inzwischen ein munteres, springlebendiges Bürscherl geworden. Die Kathl hat ihre liebe Not damit, weil er oft Dinge fragt, die die Gruberin mit bestem Willen nicht beantworten kann.

it seinen nun bald vier Jahren hilft er schon fest mit bei der Arbeit - wenn die Kathl das Gras im Berg oben zusammen sichelt, ist er fleißig mit dabei - wenn er auch zwischendurch einmal einem flinken Eidechslein zuschaut, daß sich auf den warmen Steinen sonnt, oder ein Käfer oder ein bunter Schmetterling seine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

inmal, wie sie heimkommen, ist die rotscheckige Katze grad dabei, einer Maus den Garaus zu machen. Fängt sie, wirft sie hoch, läßt sie laufen, packt sie wieder und setzt dieses grausame Spiel eine ganze Weile fort. Die Kathl ist längst in der Hütte verschwunden. Der Bub jubelt hellauf, weil die zwei Viecherl so lieb spielen, wie's ihm scheint. Aber dann, wie die Katze wieder auf ihr Opfer stürzt, da klingt ihm das jammervolle Quiecken der gequälten, in Todesangst vergehenden Kreatur bis in sein kleines Bubenherz.

ugelrund und starr werden seine Blauaugen, die Händchen in den zerlöcherten Hosentaschen werden ganz von selbst zu Fäusten - starr steht er und er weiß nicht, wie ihm auf einmal alle Freude wie weggeblasen ist. Irgendwie fühlt er, die böse Katze hat dem armen Mauserl weh getan - und jetzt - jetzt hat sie's gar totgebissen!

r reißt die Hände mit einem wilden Schrei aus dem Sack und rafft Steine vom Boden auf, schleudert sie in blinder Wut der Katze nach, immer wieder, auch als sich diese mit ihrer Beute längst davon gemacht hat. Dann läuft er weinend in die Hütte: "Mami - Mami . . ." schluchzt er in die schmierigen Kittlfalten der Kathl. "Was reahrst?" Sie hebt ihm verwundert das Köpferl und schaut in sein Gesicht, wo ganze Sturzbäche von Tränen helle Rinnsale auf der schmutzigen Haut bilden. Sie ist so ein Lamento gar nicht gewohnt beim Engl.

"Die Katz... die - die Katz..." würgt er unter heftigem Schluchzen hervor. "Hat's di leicht kratzt?" "Na - na, aber..." Es braucht eine ganze Weile, bis die Kathl begreift, was dem Buben gar so zu Herzen geht. ärgerlich schüttelt sie ihn ab. "Blöder Bua und z'wegn dem plärrst a so? Dazu is die Katz ja da!" Damit läßt sie ihn stehen und klappert auf ihren Holzschlapfen aus der Tür. Eine ganze Weile steht der Engl wie angenagelt und starrt ihr nach - er kann es nicht fassen, daß die Mami nicht weint, wo doch das Mauserl gar nichts getan hat, als ein wenig gespielt, bis... warum geht sie nicht und holt die Katze und tut irgend was ganz Schlimmes mit ihr! Aber sie hat ja gar nichts Unrechtes dran gefunden - ja, zu ihm, dem Engl noch gesagt, er sei ein blöder Bub... Todunglücklich schleicht er zu den Geißen hinaus.

ach einer Weile kommt die Kathl zum Melken. Sie hat scheinbar seinen großen Kummer schon vergessen, weil sie ihn so verständnislos anschaut, wie er da stumm und unbeweglich auf einem Häuferl Stroh hockt und das Kinn auf die schmutzverkrusteten Knie preßt. Aber wie sie fertig ist und wie gewöhnlich das Katzenschüsserl mit frischer Milch füllt, fällt ihr wieder ein, was den Engl so schmerzt. Und das belustigt sie, daß sie, was ganz selten vorkommt, auflacht. Sie geht zu dem Buben, streicht ihm derb über die blonden Haarzotteln und meint gutmütig: "Weg'n an a Maus! Des is scho so, daß die Großen die Kloan zamfressn! Wirst es a no derlebn! Aber hiaz lauf zum Brunn um a Kandl voll Wasser und nachher tragst ma a paar Holzscheiteln eini!"

ohl trottet er willig zum Brunnen, auch das Holz trägt er hinein - aber das Erlebnis läßt ihn nicht los. Auch an den folgenden Tagen nicht. Mehrmals quält er mit seinem gefrage die Kathl, aber die schubst ihn kurzerhand zur Tür hinaus, so oft er davon anfängt. So muß er sich darauf beschränken, mit seinem eigenen, kleinen Hirn die Rätsel zu lösen, die ihm niemand erklärt. Auf die Katze konzentriert sich nun sein ganzer Groll - die flitzt auch weg, sobald ihr der Bub in die Nähe kommt. Früher hat er so gerne mit ihr gespielt und sie hat ihm schnurrend um die nackten Beine gestrichen. Aber jetzt ist das alles aus.

s herbstelt schon, ein kalter Wind wirbelt gelbes Laub durch die Luft und auf der steinigen Halde knabbern die Ziegen unlustig an dem braungewordenen Gestrüpp.

er Engl hopst von einem Steinriegel zum andern, findet da eine glänzende Brombeere und dort ein leeres Schneckenhäusl oder einen Fichtenzapfen. über den holperigen Waldweg herauf kommt mit zähem Schritt der Jäger. Dann und wann bleibt er stehen und hebt sein Fernglas an die Augen. Ein brauner Hund trottet neben ihm her.

rgwöhnisch schaut ihm der Engl entgegen - er hat eine Abneigung gegen alles, was da vom Tal herauf kommt, seit der Förster einmal in seiner Gegenwart die Kathl ausgescholten hat, weil ihm angeblich ihre Geißen seine jungen Bäumchen arg "verbissen" haben. Die KAthl, nicht mundfaul, hat ihn scharf abgekanzelt, was sich aber der bärtige, würdevolle Mann auch wieder nicht bieten lassen konnte. So sind die scharfen Reden bissig hin und her geflogen. Der Bub hatte hinter der Kathl ihrer Kittelfalten gesteckt und feindselig zu dem großen, finsteren Mann aufgeschaut.

ie er weg war, hat die Kathl noch lang ganz wutig vor sich hingeknurrt und der Engl hat gemeint: "Is ein ganz böser Mann, gell?" Drauf hat sie wild die Augen gerollt und den Engl belehrt: "Alle, alle da unten sans schlecht - hautschlecht! Und wann sich ans nit wehren möcht, hättnsan glei unter d' Schuhnägl! Aber man derf sichs nit gfallen lassen - nur nix gfallen lassen! Nur wannst z'ruck haust verschaffst dir an Respekt! " Hat den Buben eine Weil angschaut: "Ja, ja du! Dich hättens verhungern und derfrieren lassen, de guten Christen da unten und wann di ich nit zamklaubt hätt, wärst längst im Friedhof bei deiner Muater!" Dem Engl ist das wohl nicht klar gewesen, aber er hat nicht viel drüber nachgedacht. Nur soviel hat er verstanden, daß die großen Leute wohl alle ganz bös sein müßten - und er hat sich dringend gewünscht, schnell recht groß zu werden, damit er sich wehren kann . . .

ber vorderhand ists noch nicht so weit und so geht er lieber allem, was von da unten herkommt, sicherheitshalber aus dem Weg.

nd plötzlich ist der Hund des Jägers wild hinter der so geächteten Katze her, fauchend fegt sie durch das dürre Laub, der Hund mit hängender Zunge hinterdrein. Den Engl reißt es hoch - er ahnt, spürt - jetzt macht der Hund das gleiche mit der Katze, wie diese damals mit der Maus! Dem Jäger sein Hund! Vergessen ist aller Zorn - er sieht nur, wie groß der Hund ist gegen die Katze. Stein auf Stein wirft er nach ihm, indes die Katze mit gesträubtem Fell die schützende Hütte zu erreichen sucht. Aber grad wie sie mit einem gewaltigen Satz hinein will, schlägt der Wind die Tür zu, sie holt sich eine blutige Nase an dem unerwarteten Hindernis. Da hat sie der Hund auch schon eingeholt, das quietscht und knurrt und faucht . . .

er Engl will nach einem Stecken fassen, findet in der Eile keinen - und erwischt die Sichel, die an einem Nagel an der Hauswand hängt und schleudert sie wütend nach dem übeltäter, ein kurzes Aufjaulen, winselnd und mit eingezogenem Schwanz hinkt er zu seinem Herrn. Die Katze ist gerettet - und der Engl verschwunden. Da hilft kein Fluchen des Jägers, kein Rufen, Drohen, Fäuste ballen - der Bub ist weg.

enn in den buschigen Wipfel einer uralten, breitausladenden Wetterfichte sieht der Jäger nicht einmal mit seinem "Gucker" hinauf.

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n einem trüben, nebeligen Novembertag haben sie den Wastl gebracht; zerrissen, blutverklebt - tot.

eim Holzen war ein dicker Stamm aus der Bahn gesprungen - der Wastl hatte keine Zeit mehr, auszuweichen . . . Wohl waren ein paar andere Holzer schnell herzugeeilt, aber es war zu spät. Das schwere Bloch hatte ihn mitgeschleift und ihn letzten Endes gegen einen Felsblock gerammt. Maustot haben sie ihn herausgezogen.

er Bub hatte mit scheuen Augen auf den Toten gestarrt - er hatte den Wastl immer nur gefürchtet und war froh, daß er so selten heimkam. Sein Erscheinen war immer mit Gekeife und Gepolter verbunden und er machte sich in solchen Fällen gern davon. Daß er nun so still und kalt und fremd da lag, flößte ihm Grauen ein. Scheu drückte er sich in einen Winkel und war erst wieder froh, als alles vorbei war und sein Leben wieder im gewohnten Gleichmaß dahinging.

er Kathl war wenig anzumerken, wie weit sie der Tod ihres Mannes berührt hatte. Sie tat ihre Arbeit wie immer und es war weder Zufriedenheit noch Trauer in ihrem stumpfen Blick. Sie vermißte den Mann wohl kaum. Sie hatte sich ja längst nicht mehr darum gekümmert, was er tat und so änderte sich auch nach seinem Ableben nichts an ihrem täglichen Einerlei.

Fortsetzung Kapitel 3!