ergnot - Kapitel 3

er Winter kam und von der Hütte war nicht mehr viel zu sehen - alles lag tiefverschneit und nichts störte die Ruhe der weißen schweigenden Einsamkeit.

ie die ersten warmen Lüftchen geweht haben und die Schneedecke immer rissiger und löcheriger geworden ist, hat der Engl ganz plötzlich eine neue Heimat bekommen.

ie Gruberin ist nämlich ganz schnell ihrem Ehemann gefolgt - hat sie momentan der Schlag getroffen.

ie Grabenschusterin unten in Aigen, die eine Base von ihr ist, ist gekommen um die Hennen und Geißen und einige halbwegs brauchbare Wirtschaftsgeräte - und da ist ihr nicht viel anderes übriggeblieben, als den Engl, der verweint, hungrig und frierend auf einer alten Truhe hockte, eben auch mitzunehmen. Hat nicht viel Freud gehabt, die Schusterin - aber schließlich ist man doch auch ein Christenmensch und hat Pflichten. Mit feindseligen Blicken hatte ihr das Kind zugesehen, wie sie den wenigen Kram zusammen packte. Wie sie ihm dann sagte "alsdann, dann gehst halt mit jetzt!" hat er sich heftig losgerissen: "Zur Mami - zur Mami!" Mit einigem Widerwillen hat sie ihn wieder in ihre Nähe gezogen und so sanft sie es im Augenblick fertig brachte, auf ihn eingeredet: "Schau, Bua, die Mami ist zum Himmelvater gangen, jetzt gehst mit mir, jetzt bin ich deine Mami! Mußt halt schön brav sein!"

ber der Bub hat sich ins Herdwinkerl gehockt und nichts wie geweint. Weil die Schusterin selber Kinder hat, kramt sie aus ihrer großen Tasche eine dicke Buchtel hervor und hält sie ihm hin - zögernd greift die kleine Hand danach.

ach einer Weile trottet er müde und verzagt hinter den Geißen her - dem Tale zu.

---------------------------------------------------

icht weit von Admont, in der Richtung nach Selzthal, ist das langgestrechte Dörflein Aigen. Einige Bauernhöfe, ein paar hingestreute Arbeiterkeuschen und ganz am äußersten Dorfrand, wo der Treffnergraben anfängt, hat der Schuster Peter Wurzer sein kleines Häusel. Grau verwittert, mit winzigen Fenstern klebt es wie ein Schneckenhaus am Fuß eines kleinen Hügels, der mit ein paar kümmerlichen Birken und einem Gestrüpp von Erlen und Haselsträuchen bewachsen ist.

rinnen im Häusel werkt der Peter, ein beleibter, rotgesichtiger Mann, die Brille auf der Nase und ein kleines schwarzes Käppchen auf dem kahlen Schädel. Er ist ein polteriger und jähzorniger Geselle und sein Eheweib und seine drei Buben haben es nicht immer gar leicht. Aber sie sind ihn schon gewöhnt.

ie seine Alte mit dem Engl dahergekommen ist, hat er die Brillen auf die Nasenspitze geschoben und über die Gläser hinweg zuerst einmal mit abschätzendem Blick die Geißen gemustert, ein halb zufriedenes "hm - hm" geknurrt und dann die Hühner gezählt. Dann erst hat er mit halbem Blick nach dem Engl geschielt, der zitternd vor Kälte in seinem ausgefransten Hösel herumgestanden ist. "Z'niachte Krot" war sein geringschätziges Urteil. Die Schusterin hat ihn gleich in die Küche hinein, wo ihn die drei Schusterbuben, die auch noch nicht viel älter sein mochten als der Engl, neugierig betrachteten. Aber ehe er noch die heiße Milch, die ihm vorgesetzt worden war, ausgeschlürft hatte, war er über den Tisch hingesunken und eingeschlafen.

s ist Frühling! Wohl sind die Wiesen noch braun, die Bäume und Sträucher noch kahl und in den Winkeln und Mulden liegt noch Schnee - aber die Luft ist lau und die Vögel zwitschern. Auf den sonnseitigen Hängen blühen schon Schlüsselblumen und Veilchen. In dem Staudengewirr am Birkenhügel hat der Engl gar ein paar Schneeglöcklein gefunden. Wie einen kostbaren Schatz hält er sie in seinen kleinen Händen, streichelt und liebkost sie - und plötzlich kommt ihm ein Gedanke! Ganz rot werden seine Bäckchen, glänzend die Blauaugen vor freudiger Geschäftigkeit. Behutsam die Blumen ergreifend, läuft er den Hügel hinunter, dem Schusterhäusl zu.

em Vater will er die Blumen geben - vielleicht, daß er ihn dann nicht mehr so rauh anfährt und nicht mehr so bös schaut. Ja, ganz gewiß wird er eine rechte Freud haben und vielleicht dem Engl gar auch so eine herrliche Zuckerstange kaufen, wie der Peterl neulich eine bekommen hat.

n der Tür zur Werkstatt will ihn doch der Mut verlassen - er dreht die Blumen unschlüssig in der Hand hin und her - soll er sie nicht doch lieber der Mami in die Küche bringen? Aber die sagt höchstens: "geh fahr ab damit" - weil ihr die Buben schon alle Häferl mit Schlüsselblumen angefüllt haben. Lauschend legt er das Ohr an die Tür - aber das Gehämmer und Geklopfe da drinnen ist verstummt - nichts ist zu hören, als das knarrende Tick-Tack der alten Pendeluhr.

b der Vater gar nicht da ist? Schüchtern klinkt er die Tür auf - steckt vorsichtig den Kopf hinein - niemand ist drinnen.

r hat diesen Raum bis jetzt selten betreten, aus Angst vor den bösen Augen des Vaters. Neugierig guckt er herum und schnüffelt den Geruch von Leder und Schusterpech. Was da nicht alles herumliegt! Schuhe in allen Größen und Formen, neue und zerrissene. Und auf dem Tischchen da ... vorsichtig, auf Zehenspitzen tapst er näher. Eine Menge Schachteln mit Nägel drinn, ein paar Tiegel mit zäher, dunkler Masse!

ch, wenn man da so richtig damit spielen dürfte - aber das dürfen die anderen auch nicht. Die vielen Nägel mit den blauschimmernden Köpfen - ein bißchen nur damit spielen, nur probieren! Eine Reihe von ganz kleinen Nägeln hat er auf den Tisch herausgeklaubt, nur ein paar noch von den weißen Holzstiftchen dazu - der Engl muß den Arm weit vorstrecken, daß er die gewünschte Schachtel erreichen kann - klatsch! Da liegt bereits eine am Boden und die Nägel rollen über den Fußboden hin, hopsen lustig durcheinander und verstecken sich unter dem aufgestapelten Schuhzeug. Erschrocken, voll böser Ahnungen starrt der Bub auf das Unheil und ehe er sich noch besinnen kann, wozu er gekommen ist, steht der Schuster in der Tür.

it der Zuckerstange war es nichts - dafür gabs Prügel wie nie zuvor!

it schmerzenden Gliedern, geschüttelt vom Weinen und voll der grenzenlosen Enttäuschung flüchtet er zu den Ziegen. Die schauen ihm aus grünlich schillernden Augen groß und ein wenig mitleidig an - er drückt sein tränennasses Gesichtchen an den weichen Hals der Tiere und flüstert ihnen unter heftigem Schluchzen zu: "Sie mögen mich nicht - ich kann tun was ich will - sie mögen mich nicht!"

ie Schusterleute verstehen das wohl nicht - sie glauben, wenn der Bub zu essen und was anzuziehen hat, so ist genügend für ihn gesorgt. Der Engl aber kann es nicht fassen, daß die Mami, seine Kathl - Mami, nie mehr kommen soll. Wie gern möchte er wieder hinauf in die alte Hütte, aber er findet ja wohl den Weg gar nicht dorthin.

ie Kathl hatte zwar auch nicht viel Zärtlichkeiten für ihn übrig gehabt, aber da war eben nur er und sie und sonst niemand. Mit dem feinen Instinkt des Kindes hatte der Engl gefühlt, daß die Kathl ihn gern hatte.

ber bei der Schusterin gibts nur Schelte - man weiß ja gar nicht, was man tun soll; überall ist man im Weg - ach und der Vater hat so böse Augen - wenn er einen anschaut, möchte man am liebsten gar nicht da sein!

n dieser Verfassung kauert er nun neben den Geißen, hier hat er Ruhe, da sucht ihn niemand. Die Tiere sind so warm und weich - manchmal leckt eines mit glatter Zunge über seine Wange. "Wenn ich nur erst groß wäre" wünscht er sich heiß, bis ihn der Schlaf mitleidig von seinem Kummer erlöst.

---------------------------------------------------

rotz allem bekommt der Engl auf Ostern ein neues Gewand. Es ist zwar aus einem alten Mantel der Schusterin und ein paar anderen Stoffresten zusammen genäht - bei der Hose weiss man nicht, soll es eine zu kurz geratene Lange oder eine übers Knie reichende Kurze sein. Die ärmel sind tiefe Röhren und die kleinen Hände mühen sich vergeblich, daraus ans Tageslicht zu finden. Aber die Schusterin findet das ganz in Ordnung - das Gewand soll ja auf Jahre vorhalten!

m Spätnachmittag des Karsamstag also hat die Schusterin ihre vier Buben gewaschen, geschneuzt und geschniegelt und in ihren besten Staat gesteckt.

"So" sagt sie und zupft ihrem ältesten, dem Peterl, nochmal den Hemdkragen zurecht, - "so - ich geh mich jetzt z'samrichten. Aber passts auf euer Gwand auf und machts euch nit dreckig!"

iese wohlgemeinte Mahnung wird von den vier Buben mit einem kräftigen Aufschnupfen zur Kenntnis genommen. Dann stelzen sie steifbeinig aus der Tür, schon überlegend, wie man diese halbe Stunde bis zur Auferstehung nutzbringend anwenden könnte.

em Engl ist in seiner ungewohnten Kleidung reichlich unbehaglich zumute. Am liebsten möchte er das ganze neue Zeug heimlich irgendwo verstecken und wieder in seine alten, ausgefransten Hosen schlüpfen. Aber das geht wohl nicht an.

icht weit weg vom Schusterhäusel, hinter dem Birkenhügel ist die Moorwiese. Während der Sommermonate ist es wohl trocken dort, aber im Frühling, zur Zeit der Schneeschmelze, sind da eine Unzahl schmutziger Wasserpfützen. Die ganze Wiese ist ein ausgedehnter Morast, aus dem dort und da braune Grasschöpfe wie kleine Inseln aufragen. Den Buben macht es nun besonderen Spass, von einer solchen Insel zur anderen zu springen ... gerät der Sprung zu kurz, steckt man bis über die Schuhe im zähen Schlamm. Aber gewöhnlich ziehen sie sich zuvor Schuhe und Strümpfe aus, damit die Mutter nichts merkt. Die blossen Füsse sind bald wieder gewaschen.

un, diesmal ist es wohl nicht nötig, erst die Schuhe auszuziehen, es zahlt sich ja nicht aus, bald wird die Mutter rufen. 
Der Engl kann sich von der Auferstehung durchaus keinen Begriff machen, aber nach den Reden der drei Brüder und dem neuen Gewand, das man dazu anziehen muß, wird es wohl etwas ganz Schönes und Besonderes sein. Er phantasiert sich alles mögliche darüber zusammen.

etzt aber stehen sie vor den bräunlichen Wasserlachen und versuchen ihr gewohntes Spiel - nur an Stellen, wo die Grasbüschel dicht nebeneinander stehen. Da kann nichts passieren. Allmählich aber werden die Sprünge gewagter. Nun stehen sie alle vier auf einer grösseren trockenen Fläche und vor ihnen ist ein richtiger kleiner See. Bis zum nächsten Grasbüschel müsste einer in dieser Richtung schon einen gewaltigen Sprung machen.

ine Weile schauen sie in das trübe Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt. Der Hansl und der Sepperl wollen schon umkehren, da boxt der Peter den Engl in die Seite: "Na, traust di?" und zeigt über das Wasser. Herausfordernd schaut er den Stiefbruder an. Der meint abweisend: "Mir derfn ja nit!"
Der Sepperl, der Jüngste von den Brüdern und mit dem Engl gleich alt, meint: "Hau, da trauert si der Peter a nit umi!"
"Pff - " macht der geringschätzig, "da bin i schon hundertmal nüber! Is eh nix dabei!"
"So hupf umi!" der Engl.
"Z'erscht du!" So gehts eine Weile hin und her. Der Hansl und der Sepperl schauen voll Bewunderung auf den Peter, der dieses Kunststück, wie er sagt, schon so oft gemacht hat. Sie glauben's ihm aufs Wort.

ls der Engl noch immer zögert, dreht sich der Peter um und sagt verachtungsvoll: "Habs eh gwisst, dass d' di nit traust! - Scheisskerl!" Und nun brüllen alle drei im Chor: "Trau mi nit - Scheisskerl!!"
"Na!!" brüllt der Engl auf und schon schnellt er sich ab, trotz der plumpen Kleidung und den schweren Schuhen gelingt es ihm, das Ziel zu erreichen. Mit offenem Munde schauen ihm seine Gefährten zu. Er aber steht auf dem Grasschüppel und schaut, als ob er weiss Gott was gefunden hätte. Dreht sich dann langsam um und ist mit einem Sprung wieder bei den andern. Siegesstolz und triumphierend schaut er sie an und wendet sich dann an den PEter: "So, hiaz bist du dran!"

ber der hat scheinbar keine Lust - ziemlich kleinlaut meint er: "I glaub, d'Muatta ruaft schon." Der Engl hört nichts. "Hupf!" fordert er. Der Grössere schickt sich an, umzukehren. Der Engl springt an ihm hinauf: "Zu mir sagst Scheisskerl - DU bist einer! Du traust di nit! Du hast glogn! Bist noch gar nit nüberg'hupft!"
"Wohl!" schreit der andere wieder. "Na!" der Engl. "G'logn hast! 's Gras war ja noch gar nit z'treten!"

rotzdem sie den Engl jetzt bewundern müssen, helfen die zwei jüngeren dem Bruder und so kommt die schönste Balgerei in Gang. Ein wilder Knäuel von herumfuchtelnden Armen und strampelnden Beinen ...

er Kampfplatz ist klein für vier blindwütig dreinhauende Buben - es tut einen dumpfen Platscher - und in dem Augenblick ruft wirklich die Mutter!

ie Schusterin ist von jeher bei ihren Buben an überraschungen gewöhnt - seit der Engl dazu gekommen ist, haben diese einen noch größeren Umfang angenommen - aber wie sie jetzt in ihrem besten Staat, mit der schillernden Seidenschürze vorm Häusel steht und ihren Buben entgegenschaut, droht ihr doch der Verstand stehen zu bleiben! Vier drecktriefende Vogelscheuchen stolpern langsam näher, einer den andern vorschiebend ....

"Marand Josef - Buam! - Vater!!"
Die Hände schlägt sie überm Kopf zusammen, die Stimme schnappt über: "Vater, Vater!!!"
Der Schuster tritt, zum Kirchgang fertig, aus der Tür. Ein einziger Blick geht über die Sünder hin - ein Blick, bei dem es ihnen kalt über den Rücken läuft. Er reisst die Tür zum Geißenstall auf: "Hinein!" Scheu drücken sie sich an dem Vater vorbei in den Stall, der Engl als Letzter. In jäher Wut hat der einen Stecken gefasst, drischt damit dem Buben eins über den Rücken: "Du Teufl von an Buam! - Und Engl heisst dieses Miststück a noch! - ENGL! - Ha"
Die Tür knallt zu. "Nach der Auferstehung!" hören sie ihn sagen. Dann wird der Schlüssel umgedreht und abgezogen.

Fortsetzung Kapitel 4!