ergnot - Kapitel 4

ach zwei jämmerlichen Stunden der Gefangenschaft ist der Vater zurück gekommen. Zitternd und mit laut klopfendem Herzen hören die Buben das Aufsperren.... Im hintersten Winkel drücken sie sich in seltener Eintracht auf ein Häuflein zusammen. Des Schusters Jähzorn mochte wohl durch die andächtige Osterstimmung der kirchlichen Feier gedämpft sein - aber immerhin - Strafe muss sein und der Anblick seiner hoffnungsvollen Sprösslinge mochte wohl nicht dazu angetan sein, seine Laune zu heben.

reit und wuchtig steht er im Türrahmen.
"Herkommen!"
Furchtsam schleichen sie näher.
"Näher!"
Er streift den ärmel hoch und packt den Peterl beim Haarschopf.
"Niederknien!"
Da knien sie nun, einer hinter dem andern, schlotternd, klappernd. Und der Vater tut langsam seinen Hosenriemen herunter. -

O hat sich der Engl die Auferstehung nicht gedacht!

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s wird ein ewiges Geheimnis bleiben, wer von den vier Buben der übeltäter war. Tatsache ist nur, dass der Grabenschuster an seinem Namenstag in der Kirche recht andächtiglich der Predigt des Pfarrherrn gelauscht hat und dann, wie das Amt anfing, in die tiefe Tasche seiner Sonntagsjoppe gelangt hat, um den Rosenkranz hervor zu ziehen. Und statt dem ersten "Ave" einen gotteslästerlichen Fluch hervorstieß, dass der Herr Pfarrer sich umdrehte, um mit mehr entsetztem als strengem Blick den Bock unter seinen Schäflein zu suchen. Die Männer haben sich laut geräuspert und auf der Weiberseiten hat ein Getuschel und Gewisper angehoben und die jungen Dirndln sind ganz nah zusammen gerückt, haben die Nasen tief in ihre Betbüchel gesteckt und ganz ungehörig gekichert. Der Grabenschuster aber ist wie ein wild gewordener Stier mit zunderrotem Schädel aus dem Gotteshaus gerannt.

er Grund dazu war ja, weiss Gott, kein geringer: Statt des Rosenkranzes hatten seine Finger vier junge, nackte Mäuslein aus der Rocktasche gezogen!

nd der Engl ist, scheint's, nur zu seinem Unglück geboren, denn er hat das Pech, als erster gleich an der Haustür dem vor Zorn nach Luft schnappenden Schuster in die Finger zu laufen.

he er noch den kleinsten Fluchtversuch machen kann, wird er von den derben Schusterpranken gefasst, in die Luft gerissen und geschüttelt, dass ihm übel und schwindlig wird. Das Klatschen der Schläge, das wutheisere Brüllen des Schusters und das grelle Jammergeschrei des mißhandelten Buben hätte man bis ins Dorf hinein hören können.

eiss Gott, was noch passiert wär, wenn nicht grad um diese Zeit der Kaiserliche Rat Siegismund ölbein seinen Morgenspaziergang gemacht hätt.

as ist ein hagerer, würdevoller alter Herr mit vergilbtem und zerknittertem Fältchengesicht. Mit der steifen, makellosen Hemdbrust, dem glänzenden schwarzen Frack aus feinem Tuch, dem gestrengen Blick und den gemessenen Schritten ist er der Mensch gewordene Paragraph. Wer ihn so daherstelzen sieht, immer steif, feierlich und würdig, der möchte meinen, er begegne da einem alten, verstaubten Aktenbündel, wie sie der Herr Kaiserliche Rat ölbein jahraus, jahrein in seiner Kanzlei in der Kaiserstadt zu bearbeiten hat. Der möchte meinen, er begegne einem trockenen Gesetzesbuchstaben - und nicht einem Menschen mit Herz und Seele.

och den Dörflern ist er schon gut bekannt. Sie ziehen achtungsvoll den Hut vor ihm und die Weiber knicksen: "Guten Morgen, Exzellenz!" Er erwidert gemessen, ohne dass sich die Fältchen in seinem Gesicht bewegen, ihren Gruss. Jeden Sommer bewohnt er auf einige Wochen das Gastzimmer im Sonnlechnerhof bei Admont.

ber ausser dem kurzen Gruss hat er noch an keinen Hiesigen das Wort gerichtet; es erwartet wohl auch keiner. Was soll auch so ein hoher Herr, mit dem der Kaiser seine Sorgen bespricht (wozu wär er sonst Kaiserlicher Rat?), einem Dörfler zu sagen haben, der die große Stadt und den Kaiser nur vom Hörensagen kennt? Der sich davon so irgendeine unklare Vorstellung macht, wie von dem, was nach dem Sterben sein wird?

inzig der Sonnlechner kann mit ihm reden, der kennt ihn schon von Jugend auf, heißt es.

a, und heute geht der Herr K.R. ölbein eben auch wieder seinen gewohnten Weg, in den Treffnergraben. Wie er in die Nähe des Schusterhäusels kommt, hebt er den Kopf. Unwillig runzelt er die Stirn. Wer macht da einen so mörderischen KRawall? Heute, an einem heiligen Tag, zu einer Zeit, wo alles in die Kirche gehört? Wo kein Fuhrwerk auf dem Pflaster holpert, wo jedes Handwerk zu ruhen hat?

"Was fällt Ihm ein? Hat Er den Verstand verloren?"

em Schuster fällt vor Schreck der Riemen aus der Hand, der wohl schon, weiß Gott wie oft, auf den wimmernden Knaben niedergesaust war. Er starrt den mit strengem Blick in der Tür stehenden Herrn wie ein Gespenst an. Der Kleine duckt sich mit angstvollem Gesicht in den Winkel, unfähig, sich zu erheben. Blut läuft ihm aus der Nase.

em Schuster ist, als würde er vor das Jüngste Gericht gezerrt.

"Ha - - halten zu Gnaden, Exzellenz - -"

ie Exzellenz wischt mit einer gebieterischen Handbewegung durch die Luft, der Schuster verliert vollends die Fassung. Seine Lippen schnappen nach Luft, aber es kommt kein Ton heraus. Vor dem vernichtenden Blick dieses Mannes schrumpft er zu einem Nichts zusammen.

er macht ein paar seiner abgemessenen Schritte in den Raum, faßt mit spitzen Fingern nach dem zitternden Kind und dreht das blutverschmierte kleine Gesicht gegen das Fenster. Stumpf und willenlos läßt der Bub es geschehen. Sein Blick ist der eines gehetzten, wehrlosen Tieres. Stumm, ohne Zeichen irgend einer Regung betrachtet der Herr Rat das Kind. Dreht sich dann nach der Richtung, wo der Schuster mit hängenden Armen sein Todesurteil erwartet.

"Er hört noch von mir!" und verläßt grußlos den Raum.

m Nachmittag schon ist der kleine Engl auf dem Sonnlechnerhof, der nun seine Heimat sein soll, wie es der Herr K.R. gewünscht und befohlen hat.

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ie grünschimmernden Wasser der Enns rauschen leise um die Ufersteine. Durch die Weidenbüsche säuselt mild der Sommerwind. Weit und hell ist das Tal, die Luft riecht nach Blüten und Honig. Aus dem Gewirr der roten und grauen Dächer heben sich die spitzen Türme des Admonter Münsters und zeigen wie zwei weiße Riesenfinger in den Himmel. Schloß Röthelstein, von dunklen Fichten und hellgrünen Laubbäumen umrahmt, auf der Höhe des Klosterkogels - das ist Admont, die Perle des Ennstales.

in Geschmeide auf grünem Samtkissen, von einem Kranz steinerner Wächter umgeben: die Gipfelkette der Hallermauern - auf der anderen Seite der Hahnstein, der Kreuzkogel, der wuchtige Felskopf des Admonter Reichensteins - und weiter unten, hinter milchigen Dunstschleiern, die Hochtorgruppe.

ber wenn wir das Sonnlehen suchen, darf sich der Blick nicht in der fernen Höhe der Gipfelkette verlieren - ein wenig abseits, herausgehoben von den anderen Häusern und Höfen steht es, nahe der Enns, auf einem sanften, grünen Hügel. Die weißen Birkenstämme leuchten in der Sonne, die die Zufahrt zum Hofe säumen. Wie ein alter Herrensitz steht es breit und behäbig unter dem vorspringenden Dach.

ast ein wenig protzig, als wollte es sagen: ich bin mehr als ihr alle da herum und in seiner Art ist es ja wohl mehr - größer, schöner als die anderen - und seltsamer und einsamer.

ohl verläuft auch hier das Jahr nach dem natürlichen Gesetz des Bauern: es wird gesät, geschafft und geerntet - aber die Arbeit ist zum größten Teil dem Gesinde überlassen. Es geht darum wohl manches nicht so, wie es soll. Aber wenn du am Ennsufer stehst, dann siehst du nur das stolze Gut - wer käme da auf den Gedanken, daß es möglicherweise der Grundfesten entbehre?

er Herr auf dem Sonnlehen ist ein seltsamer Mensch. Als einziger Nachkomme eines alten Bauerngeschlechtes hatte er sich das Studium in den Kopf gesetzt und obwohl der alte Sonnlechner in ihm den Erben des Gutes sah, erfüllte er den Wunsch seines Einzigen und schickte ihn nach Wien, daß er studiere; er sagte sich, doppelt hält besser, der Sohn solle nur lernen und sich in der Welt umsehen. Er zweifelte nicht, daß aus dem Jungen, sobald er sich die Hörner abgestoßen hätte, noch ein guter Bauer würde. Und da schon in dem Alten ein guter Schuß herrischer Stolz steckte, mochte dem Sohne als späteren Herrn des ausgedehnten Besitzes Wissen und Bildung nur von Nutzen sein. Schließlich würden ja noch Jahrzehnte vergehen, ehe der Bauer die Zügel dem Jungen in die Hand geben müßte - er fühlte sich noch jung und rüstig, voll Schwung und Tatkraft.

er junge Georg schien indessen das lustige, sorglose Studentenleben weit mehr zu schätzen als die bäuerlichen Arbeiten auf Feld und Acker. Es war für ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als der Vater ohne Krankheit, ohne irgend ein Vorzeichen, mitten in der Arbeit vom Schlag getroffen wurde. Der kaum Zwanzigjährige war über Nacht statt dem übermütigen, immer zu tollen Eskapaden neigenden Studenten, der Herr auf dem Sonnlehen. Das Vaterhaus, das ihm bisher nur Stätte froher Kindheit und unbeschwerter Ferientage gewesen war, bekam ein neues Gesicht: es forderte.

eorg stand seiner Aufgabe ziemlich hilflos gegenüber - ohne Erfahrung, ohne Kenntnisse, ohne Lust.

as Gesinde merkte das wohl. Wenn er auch bald hier, bald da bei den Arbeitenden auftauchte, wenn er auch seine Befehle unter die Leute schrie; sie sagten "ja Herr" - aber wenn er wegging, lachten die Jungen und die Alten schüttelten bedächtig die Köpfe und sie taten, wie sie es gewohnt waren, nicht wie er befohlen hatte. Nur langsamer, gemächlicher als früher. Die feste Hand des Gebieters fehlte, Georg mochte es spüren, daß man ihn nicht ernst nahm - er kümmerte sich immer weniger um das Gut. Er nahm nur das Geld und gab es mit vollen Händen aus - lebte wie ein Graf, war fast immer auf Reisen und kam er dann zurück, brachte er Freunde mit, mit denen er in die Berge ging und auf die Jagd...

nd eines Tages brachte er eine Frau. Ein junges, blasses Ding mit eleganten Kleidern und städtischen Manieren. Sie war gewiß nicht schlechter wie die braven Bauerntöchter aus dem Ennstal. Aber sie war eben ein Stadtkind und keine Bäuerin. Nach einem Jahr kam ein Sohn - Eberhard. Und im dritten Ehejahr ein Mädchen - Eleonore - das der jungen Frau das Leben kostete. Von da an ging es erst unmerklich, aber stetig bergab.

onatelang blieb der Sonnlechner seinem Gut fern. Unter den Händen einer alten Magd, die schon Georg zur Welt kommen sah, wuchsen die Kinder auf. Alles lag auf Gedeih und Verderb in den Händen der Dienstboten. Zum Glück sind es alle anständige, ordentliche Leute. Sie bekommen ihren Lohn und tun ihre Arbeit, soweit sie getan sein muß. Die Karolin', die den beiden Kindern die Mutter ersetzt, ist ein recht resolutes Weiberleut. Die jungen Knechte und Mägde versteht sie im Zaum zu halten. Wenn sie auch untereinander manchmal tuscheln: "der Karo ist aber heut wieder bissig" - es möchte sie keiner missen, die Karolin'. Denn trotz aller Strenge hat sie eine derbe Art von Mütterlichkeit und hinter ihrem Gekeif und Gebrumm, hinter ihren galligen Reden und ihren harten Fäusten steckt nicht selten eine wohlmeinende Güte.

er kleine Eberhard entwickelte sich nur langsam. Als kleines Kind schon oft krank, blieb er schwächlich und überzart und war alles eher als hübsch. Rötliches Haar und das Gesicht voller Sommersprossen, mit scheuem, verträumten Wesen... Sein Vater betrachtete ihn mit ärger und Mißfallen. Dafür war Eleonore ein sehr lebhaftes Kind und schon mit sechs Jahren eine kleine Schönheit. Das rote Haar, das ihren Bruder so unschön erscheinen ließ, hatte bei ihr einen goldigen Schimmer und umrahmte in weichen Locken ihr feines Gesichtchen. Und wen ihre blauen Augen anlachten, schmeichelnd und bettelnd, der konnte ihr keinen Wunsch versagen. Der Sonnlechner überhäufte seine kleine Tochter mit Zärtlichkeiten. Auch wenn er sonst noch so verschlossen, finster und mürrisch war - wenn die kleine Lore ihre rosigen ärmchen um seinen Hals schlang, wurde sein durch ungezügeltes Leben verwüstetes und in jungen Jahren bereits gealtertes Gesicht hell - und so wurde aus ihr der niedliche, reizende Haustyrann, der die Zügel in den kleinen Händen hielt...

o kann es einen nicht wundern, wenn daneben die kleine Vronerl, um die sich die Karolin einmal aus Barmherzigkeit angenommen hatte, ganz und gar ins Hintertreffen kam. Ihre Mutter war ein blutjunges Dirndl gewesen, wie sie ihre einzige Verwandte, die Karolin, die eine Schwester ihres Vaters war, mit aufgehobenen Händen gebeten hat, ihr doch das Kind abzunehmen. Mit viel Gebrumm hat die alte Magd dann eingewilligt. Weiß Gott, wohin die Mutter der kleinen Vronerl geraten ist... Sie wollte damals in die Stadt als Stubenmädel. Und hat nie mehr was von sich hören lassen.

as Vronerl ist es schon gewöhnt, im Hintergrund zu stehen. Schon von der Wiege her. Immer ist die kleine Lore der Mittelpunkt, um den sich alles dreht - und das Vronerl ist nur eben geduldet. Keinem zur Lust und keinem zur Last - es ist eben nur da.

ür dieses allein-nur-da-sein scheinen die wasserblauen, immer ein wenig nassen, immer ein wenig verschreckten Augen in dem kleinen Gesicht beständig um Verzeihung zu bitten. Das stumpfblonde Haar der Kleinen ist glatt zurück gekämmt und im Nacken zu einem steifen dünnen Rattenschwänzlein geflochten, von einem Stück Bindfaden zusammen gehalten. Die Vronerl ist nie unartig, sie schreit nicht und klagt nicht, sie ist nie übermütig und ausgelassen, sie ist wie ein geduldiges, kleines Tier.

ie läßt alles über sich ergehen mit jenem ergeben - flehenden Kinderblick, ob die kleine Lore sie jauchzend als Pferdchen an die Leine bindet und um den Hof hetzt, oder ob sie tückisch und zornig mit den kleinen Füßen nach ihr tritt, an ihren Zöpfchen zerrt oder ihr auch gar ins Gesicht spuckt. Sie schreit nicht und klagt nicht - nur die wasserblauen Augen werden noch feuchter - vielleicht fallen dann in irgend einem dunklen Winkel viele heiße Tränlein? Wer weiß das?

usammen mit dem Eberhard, der Lore und dem Vronerl wächst hier der Engl heran. Nur daß er nicht wie das Vronerl eben nur da ist und kaum bemerkt wird - er erntet manchen Knuff und viele Schopfbeutler - aber es hilft nichts - der Engl ist widerspenstig geworden. Er ist viel größer und stärker als Eberhard und läßt diesen seine überlegenheit immer wieder spüren. Das Vronerl betrachtet er mit geringschätziger Verachtung und der kleinen Hoftochter zaust er das goldrote Gelock. Aber kaum er dafür seinen Klaps hat, reißt er ihrer Lieblingspuppe einen Arm aus oder schneidet ihr mit seinem Taschenfeitel die Nase weg. Einen Augenblick später, nachdem er den derben Fäusten der Karolin entwichen, saust ihr zum Dank ein Stein durch das Küchenfenster. Die Knechte schmunzeln, daß der Engl auch dem Karo die Schneid abkaufen würde. Aber auch denen tut der Nichtsnutz manchen Schabernak an. Er weint nicht mehr, wenn es Prügel gibt, meistens entschlüpft er den ungeschickten Bauernhänden. Und wenn es ihn erwischt, ballt er heimlich die Faust und brütet Rache. Wenn abends das Gesinde seine lockeren Späße macht, treibt er sich zwischen ihnen herum, auf jedes Wort achtend.

r ist kein Kind mehr.......

Fortsetzung Kapitel 5!