ergnot - Kapitel 5

ie Jagdgewehre des Sonnlechners interessieren ihn mehr als für ihn gut ist.

"Fahr ab, Lauser!" schimpft der Großknecht, wenn er den Buben bei den Jagdtaschen und Büchsen findet. Der Sonnlechner sagt gar nichts.

r ist selten daheim und wenn schon, redet er kaum mit jemanden ein Wort. Höchstens mit Lore. Oder mit Treff, dem zottigen Hund. Nur wenn er Gäste mitbringt, ist er überlaut und lärmend. Dann verschwindet er wieder. Oft auf Wochen. Dem Engl ist er weder gut noch böse. Er und das Vronerl sollen am Hof aufwachsen - bei der Vronerl wars Christenpflicht und beim Engl hats sein väterlicher Freund aus der Studienzeit in Wien, der Kaiserliche Rat ölbein, so haben wollen. Kann man nicht nein sagen. Ist man seiner Ehr schuldig.. Der Hof trägt's ja.

anchmal betrachtet er die beiden Buben: den Sohn, der blaß, zwergenhaft, immer so artig und gesittet ist, daß einem der helle Zorn kommt - der Bub, Herrgott, der ist doch gar kein rechter Bub!

o hat er denn das nur her, der Duckmäuser? Der wird im Leben kein Sonnlechner ... Er schluckt an seinem Grimm und kneift ein Auge zu, schielt nach dem Scheunendach, wo der Engl rittlings am First sitzt und sich eben anschickt, seine akrobatischen Kunststücke zu proben. Wutig spuckt der Sonnlechner ins Gras. Der, wenn meiner wär, so groß und stark, flink und geschickt - und - Himmelherrgottsakra, was ist doch der eigene Bub für ein Jammergestell daneben - dabei weiß man nicht einmal, wo der fremde Balg eigentlich her ist - und meiner Seel, ein sauberes Gfries kriegt er auch schon - und Schneid hat er, der Mistbub - jetzt tut er gar Kopfstehen da oben am Scheunendach.

nd der Eberhard - ja, wo steckt der wieder? Wahrscheinlich hilft er der Karolin in der Küche Erdäpfelschälen und Geschirr abtrocknen - und das soll ein Sonnlechner sein?

ornig schupft er mit dem Schuh einen Stein gegen die Holzplanken der Scheunenwand. Der Engl oben am Dach äugt vorsichtig hinunter, sieht den Hausherrn ins grimmige Gesicht und ist im Handumdrehen verschwunden. Der unten stiert noch eine Weile auf das leere Dach und brummt dann mit einer Art zorniger Genugtuung in sich hinein: "Ist auch nix nutz, der - hat nix wie Faxen im Schädel - wird auch nix Gscheites draus..."

enn so ein Lausbub schon bald zwölf Jahre alt ist, dann sollte er eigentlich schon zum Arbeiten ganz gut zu brauchen sein. Beim Engl hat es aber einen Haken damit. Bisher ist ihm die Zeit auf dem Sonnlehen so zwischen Schlägen und fetten Schmalzkrapfen vergangen, mal gabs das Eine, dann das Andere. Je älter aber der Bub wird, umso weniger werden die Schläge, der Karo traut sich nun tatsächlich nicht mehr. Auch die Knechte ziehen den kürzeren, denn was die ihm an Kraft noch voraus haben, gleicht er durch seine Gewandtheit reichlich aus. Und die Schmalzkrapfen werden mehr, denn die Mägde sehen es nicht ungern, wenn ihnen der blondschopfige Bub mit blitzenden Augen zulacht, der schon wie ein Sechzehnjähriger aussieht. Freilich, der Karo ist bissiger denn je, brummt und brodelt und schmeißt die Häfn und Reindln zornig durcheinander. Aber den Dirndln kann man's nicht verbieten, ihre Krapfen zu verschenken! Himmelfixseiten, der Mistbub wird wahrhaftig bildsauber! Er kennt sich schon gut aus, der Rotzer - er weiß genau, wie er die Madeln anschauen muß, daß er ihnen gefällt und alles von ihnen haben kann, was er will.

nd wenn es bis jetzt auch nur Krapfen sind ....
Voll Zorn und Kümmernis rumort die Karolin in ihrer Küche. Liebs Herrgöttl, san die jungen Leut schon schlecht!

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ktober im Bergland! Unter dem tiefblauen Herbsthimmel werden die Wiesen mählich fahl. Die ersten Nachtfröste haben die letzten Blüten, die spärlichen Halme der Hochtäler versengt. Nun schweben die feinen Silberfäden des Altweibersommer als leise Mahnung über die sonnigen Hänge. Die dreizackigen Blätter der Ahorne haben schwarze Punkte und fallen leise nieder, die Buchen am Klosterkogel leuchten im goldroten Schmuck. Die Erde trägt ihr letztes Festgewand, ehe zur Ruhe geht. Von den Gesäusebergen ist der bläuliche Dunst gewichen - jeden Riß, jedes Band kann man sehen. Aber die Lärchen werden mählich gelb und im Hochwald röhren die Hirsche.

m diese Zeit putzt der Sonnlechner sorgfältig seine Flinten und der Engl streicht immer in seiner Nähe herum, keinen Griff übersehend. Der Sonnlechner scheint es gar nicht zu merken.

"Eberhard!" Der Junge tritt mit bangem Gesicht vor den Vater. Der hat seine Aufmerksamkeit dem Gewehr gewidmet, zerlegt es, ölt es, setzt es zusammen und läßt den Hahn knacken. Obwohl das nur leise klickt, weicht der Junge ängstlich zurück. Unwirsch zieht ihn der Vater wieder näher.

"Du sollst nun endlich einmal lernen, mit einem Gewehr umzugehen! Ich will dir zeigen, wie man zielt, wie man schießt, wenigstens ein Jäger sollst du werden!"

r hat es nicht böse gesagt, der Ton war nur etwas rauh. Er ist nicht gewöhnt, mit seinem Jungen zu reden. Der hat vor dem Vater allein schon Angst, ach und erst vor dem Gewehr!

eine schweißfeuchten Finger bohren ruhelos in die Knopflöcher seiner Wollweste und die angstweiten Augen suchen gehetzt nach einem Ausweg. Ungeduldig, mit harter Hand faßt der Vater nach ihm.

"Nun greif schon an!" fährt er ihn an. Der Junge wagt sich nicht zu widersetzen. Mit zitternden Händen faßt er nach dem Schießeisen, aber so ungeschickt, daß der Vater grantig wird.

"Herrgott, du bist doch der größte Trottel....." mit rauhem Griff packt er den Knaben an den schmalen, blutleeren Händen.

och "Nein!" schreit der in jäher Angst. Erstaunt und unwillig zieht der Alte die Brauen hoch.

"Was?" grollt er.

"Du wirst schießen lernen, sag ich dir, auf der Stelle - schau dir an da draußen am Rübenacker die Vogelscheuche - in acht Tagen mußt du ihr den Hut herunter schießen können".

a nimmt der Eberhard seinen ganzen Mut zusammen. Keuchend stößt er hervor:

"Ich will nicht schießen! Ich mag das gar nicht leiden! Ich werde niemals auf ein Waldtier schießen können, nein, ich will nicht, ich kann nicht! Und wenn du mich tot schlägst - ich kann wirklich nicht".

in gefährliches Wetterleuchten lodert auf in dem Gesicht des Alten. Eberhard duckt sich ängstlich, so daß er noch häßlicher, noch zwergenhafter erscheint.

ber es geschieht nichts. Die Hand hebt sich nicht zum Schlage. Das Wetterleuchten im Gesicht schwindet wieder. Die schlaffen Wangen entfärben sich, die geröteten Augen starren den Sohn an.

oll ehrlichem Kummer. Beinah leise ist seine Stimme:

"Ja - ich weiß es. Du kannst es nicht. Du kannst überhaupt nichts.
Arbeiten kannst du nicht, weil du zu schwach bist. Schießen kannst du nicht, weil du zu weich bist. Lernen kannst du nicht, weil du zu dumm bist. Ja was - was soll denn aus dir werden?"

er Sonnlechner hat nicht zu seinem Sohn gesprochen. Seine ganze eigene Qual, die Erkenntnis seines eigenen verpfuschten Lebens, hat sich aus ihm gerungen.

as ist er denn schon? Der Sonnlechner? Ja? - Nein, das war sein Vater. Er selber? Er ist weder Herr noch Knecht - kein Studierter und kein Bauer.....

r hat es in dem Einen noch im Anderen zu etwas gebracht. Er hat genommen, was für ihn bestimmt war - er hat zerstreut, was die Väter gesammelt.... Unverwandt starrt er den Jungen an. Der hat den Kopf gesenkt.

arum sagt der Vater, er sei dumm? Ja, gewiß - mit dem Lernen geht es schwer. Aber warum? - Weil man immer so schrecklich verlegen wird, wenn man gefragt wird und dann aus Angst, man könnte eine falsche Antwort sagen, einfach kein Wort heraus bringt? Oder nur eine gestotterte, kaum zu verstehende Wortreihe... Aber dumm? Dumm sein, heißt doch, sich nichts denken können.... und denken kann sich der Eberhard so vieles....

r nimmt einen gewaltigen Anlauf. Ruckt den Kopf höher und schaut dem Vater ins Gesicht. Blässe und Röte wechseln jäh auf seinen Wangen.

"Vater - "
Warum habe ich eigentlich Angst vor ihm, denkt er. Er schlägt mich doch nie, er schreit mich nicht an - er ist doch nicht einmal böse, wo er doch so gern möchte, daß ich schießen soll? Er ist doch nicht böse - habe ich nur Angst vor ihm, weil er nicht - gut ist? Zur Lore ist er gut.

"Vater" sagt er noch einmal und mit einem jähen Entschluß: "laß mich ins Stift eintreten..."

uch diesmal bleibt der Zornesausbruch aus. Nur die Büchse lehnt der Alte an den Birnbaum, unter dem sie stehen. Seine Augen starren erstaunt und verwundert auf den Buben.

angsam schüttelt er den Kopf.: "Was willst denn du im Stift? Du kannst doch nicht Pfarrer werden, du bist doch....?"
"Nein. Ich weiß es. Pfarrer kann ich nicht werden. Aber Laienbruder..."

a, Laienbruder, denkt der Alte mit hängendem Kopf. In der schwarzen Kutte, mit dem Betbuch - ein Bruder... Kein Bruder. Kein Sohn. Ein Fremder. Irgendeiner in der Schar der Laienbrüder des Stiftes Admont.

"Das Sonnlehen kann doch die Lore übernehmen..." Leise hat es der Junge gesprochen. Demütig. Das Sonnlehen, - ja - und die Lore ... denkt der Vater bitter.

r weiß es genau - er ist der letzte seiner Sippe auf dem Sonnlehen. Das Sonnlehen - es wird bleiben. Aber ein anderer wird der Herr sein. Ein Fremder. Es geht bergab.... Schwer legt sich seine Hand auf die schmale Knabenschulter.
"Ja - vielleicht ist es am besten so - für dich - und mich..."

it müdem Schritt und gesenktem Haupt geht er mit dem Jungen über den Hof. Die Büchse lehnt vergessen am rissigen Stamm des Birnbaumes.

ählich wird es Abend. Die blauen Schleier der Dämmerung senken sich über das Tal. über der Enns schwebt ein milchiger Dunststreifen.

nter dem Birnbaum tut es einen Knall und dann einen verhaltenen Juchzer. Die Vogelscheuche am Rübenacker schwankt. Der alte Hut liegt zerschossen auf den Stoppeln. Der Engl trägt die Büchse wie eine Kostbarkeit an ihren gewöhnlichen Platz.

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eiertagsstille liegt über dem Sonnlehen.

ie Frühlingssonne spiegelt sich in den Fenstern und verfängt sich spielerisch im Gezweig der Birken, daß ein gesprenkelter Schatten über die weiße Hauswand zittert.

anchmal fällt ein Blütenblatt vom Birnbaum, der wie ein riesiger, heller Blumenstrauß aussieht.

ie Lore und das Vronerl sitzen auf der Hausbank, ein Korb mit zerrissenen Strümpfen steht zwischen ihnen. Emsig läßt die Vroni den Faden durch die rauhen, zerarbeiteten Finger laufen, ihr Gesicht ist über die Arbeit gebeugt. Lore dagegen läßt ihre blauen Augen bald hierhin, bald dahin wandern. Das Stillsitzen behagt ihr nicht. Außerdem - Strümpfe stopfen ist eine Arbeit für alte Frauen oder Schulmädchen - nicht für eine, die siebzehn Jahre ist, rotblonde Zöpfe hat und Lore heißt.

ie Lore vom Sonnlehen - dieser Name, den die ganzen Burschen vom Ennstal kennen! Diese Lore, die sich nur von den hübschesten von ihnen zum Tanz führen läßt?

ie rutscht unruhig auf der Bank hin und her. Was könnte man nur anfangen heute? Ist dieser helle Frühlingstag nicht viel zu schade, um hier zu sitzen, neben der stillen, langweiligen Vroni?

nlustig stößt sie den Korb zur Seite und springt auf. Wippt auf den Zehenspitzen und dehnt und streckt den jungen, geschmeidigen Leib. Gelangweilt und schmollend verzieht sie den Mund.

s ist doch zu ekelhaft - manchmal hat man eine ganze Hammelherde von Mannsbildern um sich her, die sich für eins am liebsten gegenseitig in die Enns schmeißen möchten und heute, wo man Gesellschaft brauchen könnte, läßt sich keiner sehen.

o sich wohl der Engl wieder herumtreibt? Der Engl... Nein, der ist ein Fallot, mit dem möchte man ja gar nichts zu tun haben. Treibt sich die längste Zeit im Wald und in den Felsen herum. Aber wenn er will, arbeitet er für drei. Sonst hätt ihn wohl der Vater längst zum Teufel gejagt.

ie Lore schaut versonnen in den blühenden Birnbaum hinauf. Dann pflückt sie ein paar Margariten und steckt die Stengel zwischen die roten Lippen.

o helle, so seltsame Augen wie der Engl hat keiner von den anderen Burschen... Den Mädeln muß ja das Herz lachen, wenn diese Augen aufblitzen.

ch, Blödsinn, Augen hat doch jeder Mensch... Ja - aber keine Engl - Augen, mit der blonden Locke darüber. Und so schlank und hoch gewachsen ist er - wenn er vor mir steht, ich könnte meinen Kopf genau an seine Schulter lehnen - um so viel ist er größer.

as kann man bei keinem der anderen Burschen... Bestimmt, der Kroneisen Franzl ist auch groß, der Seppl vom Untertaler ist überhaupt ein baumlanger Lackl - aber so grob und schwerfällig, man sieht ihm den Bauern bei jeder Bewegung an.

er Engl aber, der, wenn er in einem Stadtanzug stecken würde, man könnte ihn für einen feinen Herrn halten... An den möchte man sich gern einmal so anlehnen! Aber er ist ein grauslicher Kerl, ja, ein ganz ekelhafter!

r schaut alle anderen Mädel an, nur sie, die Lore nicht! Letzten Herbst, beim Wiesenfest in Aigen, was hat er ihr da angetan?

ie war bestimmt die Schönste gewesen, in ihrem gestickten Dirndlkleid, die goldenen Zöpfe zu einer Krone aufgesteckt. Sie hätt es, weiß Gott, nicht nötig gehabt, immer nach dem Engl zu schielen, aber sie mußte einfach! Mit all den Mädeln dort hat er getanzt und am öftesten mit der schwarzhaarigen Nandl vom Oberhof, mit dem dummen Mensch!

arum hat sie auch nur diese Dummheit gemacht und ihn angeredet, wie er grad neben ihr gestanden ist? "Darfst einmal tanzen mit mir!"
Hätt er sich da nicht freuen sollen, wenn er, der Niemand, mit ihr, der Sonnlechner Lore, tanzen darf? Er hat die Nandl schon wieder um die Mitte genommen, hat nur kurz gesagt:
"Hiaz han i ka Zeit!"
Da sind der Lore vor lauter Schämen und gallbitterem Zorn die Tränen gekommen und sie hat dem Engl ins Gesicht gezischt:
"Gfallt dir wohl das Zigeunermensch da besser?"
Das haben nicht viele gehört, nur die, die ganz neben gestanden sind. Aber derweil der Engl die Nandl schon zum Tanzboden führt, schreit er der Lore über die Achsel zurück:
"Kunnt schon sein - die is a nit rotschädlert..."

ein - Herrgott, nein - man darf da gar nicht dran denken. Die Lore hält es nicht mehr aus, sie wirft die Margariten neben die Vroni auf die Hausbank und rennt ein Stück in den Obstgarten hinaus. Zornig rupft die den Blumen, die leise im Wind zittern, die Köpfe ab.

inter dem Hahnstein schiebt sich ein finsterer Wolkenkegel herauf. Auf die rissige, turmsteile Wand fällt Schatten - finster und drohend schaut sie herunter. Ist noch keiner hinauf gestiegen auf dieser Seiten. Der Stein ist zu brüchig. Am End kraxelt der bergnarrische Kerl gar da oben umeinand? Gleich schaun tät ihm so was . Soll er nur herunterfallen und sich das Genick brechen, der - nein, das Genick lieber nicht, da kann man wohl gleich tot sein; - aber die Haxn, alle zwei - dann wärs aus mit dem Tanzen und er müßte froh sein, wenn ihm die Lore manchmal eine halbe Stunde Geselslchaft leisten würde.

a zupft die wahrhaftig schon wieder die zarten weißen Blütenblättchen von einer Margariten:
"Er liebt mich -
von Herzen -
mit Schmerzen -
a bißerl -
a wengerl -
und gar