
ergnot - Kapitel 6
s wird Abend. Die Bäume werfen lange Schatten über Garten und Feld.
ie Vroni steckt das letzte Paar Socken - dem Engl seine - sorgfältig zusammen. Einen Augenblick läßt sie ihre kleine harte Hand drauf liegen. Dann klaubt sie die Margariten zusammen, die Lore auf die Bank geworfen hat. Müde lassen sie die Köpflein hängen. Die Vroni schaut eine Weile nachdenklich drauf nieder. Dann schüttelt sie den Kopf. Packt das Arbeitszeug zusammen und geht ins Haus. Holt ein Glasvoll Wasser und steckt die Blumen hinein. Ihr Gesicht neigt sich kosend über die weißen Sterne.
"Nein, ihr armen Bleamerl, wegen mir sollt's nit sterben. Mich mag er sowieso nit."
ie steigt auf die Bank und stellt die Blumen in den Herrgottswinkel, vor das Bild der schmerzhaften Mutter. Schaut die sieben Schwerter an, die das Herz der Gnadenvollen durchbohren.
"Tu ihn halt beschützen, Himmelmutter", sagt sie leise. Dann zieht sie ihr Sonntagsgewand aus und geht in den Stall.
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er Vollmond blinzelt durch die Buchen von Röthelstein.
ber die Leiten rennt einer in langen Sprüngen und setzt mit einem Schwung über dem Sonnlechner seinen Obstgartenzaun.
"Teixl" flucht er - er hat gar nicht an den wilden Rosenbusch gedacht, der da hinter dem Zaun wuchert und ist mitten hinein gesprungen.
"Au - " kreischt wer neben ihm. Er macht sich von der dornigen Umklammerung los. "Lore? - Was tust denn du noch heraußen?" Die Lore steht im silbernen Mondlicht unter dem blühenden Rosenstrauch. Soll ers halt hören, wie das Herz pumpert, das kann ja vom Schrecken kommen!
ie drückt und preßt an ihrem Zeigefinger herum, bis ein dunkler Blutstropfen auf der Haut glänzt.
"Da" sie hält ihm den Finger unter die Nase - "geschreckt hast mich so, daß ich mir die Finger zerstochen hab!"
"Auweh!" sagt er und das klingt ehrlich bestürzt.
"Es blutet - " sagt sie kläglich. Der Engl steht und starrt die Lore an. Daß die Dirndln beim Mondschein so schön sind? Also ist das wahr? Und die Lore, miener Seel, eine Schönere gibts wirklich nicht!
em Engl wird so seltsam weich in den Knien. Weiß Gott, er hat das Maul immer recht voll genommen und getan, als hätte er schon was nicht alles hinter sich. Wenn die Knechte so ihre nächtlichen Geheimnisse ausgepackt haben, hat er getan, als sei ihm das nichts Neues. Geschämt hätt er sich und es nie im Leben zugegeben, daß er noch gar nichts weiß von den Mädeln, als daß sie lachen, wenn man mit ihnen tanzt - und daß man sie anlachen muß - und, ja, er hätt ein paarmal schon gelegenheit gehabt und neugierig wär er auch gewesen - und er hätt es wohl gern drauf ankommen lassen. Aber dann war immer dieses weiche Gefühl in den Knien und irgendwas wie Angst - er hatte doch so groß geredet und dann wußte er doch nicht, was tun.
o hat er sich dann immer schnell irgendwie davon gemacht. Nun steht er da im Mondschein beim Rosenbusch und die Lore hält ihm den finger vor die Nase und sagt: "es blutet - - "
as soll man da tun? So nimmt er halt den armen kleinen Finger ganz sacht in seine Hand und preßt seine Lippen auf die blutende Stelle. Er spürt ihre kühle, weiche Haut an seinem Mund, das Blut - .
ie lehnt den Kopf an seine Schulter, ihr Haar streift sein Gesicht. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, aber sein Herz pocht überlaut und das Blut steigt ihm in die Schläfen. Er muß die Augen fest zumachen und "Lore - Lore ..." stammelt er und drückt das Gesicht in ihr Haar. Irgendwie möchte er seine Gedanken zusammen suchen, aber es gelingt ihm nicht. Es ist ihm, als stürze er mitten in ein loderndes Feuer, aber die Flammen, so sehr sie brennen, sie tun doch so wohl, daß man jauchzen könnte...
a tut die Lore einen kleinen spitzen Schrei - noch ehe er begreift, huscht sie über die Wiese. Der Engl reibt sich die Augen. Hat er geträumt? Er war doch am Kreuzkogel gewesen - am Zaun liegt sein Hut, voll mit Gamsveiglein, die er in den Felsen gepflückt - und nun?
r hockt im Gras und hält die Hand an die glühende Stirn...
ore - Lore! -
ber es ist nicht die Lore, die da mit wuchtigen Schritten auf ihn zustürmt, daß der Boden zittert. Der Sonnlechner ist es, keuchend, blaurot im Gesicht vor Zorn, die Peitsche in der Hand. So fassungslos ist der Engl, daß er nicht einmal aufsteht - er hockt im Gras und starrt in das verzerrte Gesicht.
a zuckt es wie ein Blitz vor seinen Augen, ein messerscharfer Schmerz fährt durch sein Hirn - wie aus weiter Ferne hört er den Schrei.
"Sauhund, du grundschlechter! Das ist dein Dank? Aus meinen Augen...!"
, wie das brennt! - Wie das brennt!
Er wälzt sich im Gras und drückt das Gesicht in die taufeuchte Erde.
Lore, Lore - - !"Engl..." Es ist nicht Lore.
Die Vroni kniet neben ihm und legt ihm ein feuchtes Tuch über das blutende Gesicht. Für einen Augenblick läßt der Schmerz nach. Die Vroni faltet die Hände. Tränen rinnen über ihre Wangen. Sie fragt nicht und jammert nicht.
"Engl - - Engele - -" flüstern ihre bebenden Lippen.
Der reißt das Tuch weg und schleudert es in das dornige Strauchwerk."Komm - geh hinein-" bittet die Vroni zaghaft.
r springt auf und stößt sie gegen den Zaun, daß die Latten krachen:
"Laß mich in Ruh - mit der Peitsche - wie einen fremden, räudigen Hund--"
r rennt über den Anger. Am Brunnen taumelt er und fällt vornüber. Ein wildes Schluchzen schüttelt ihn.
O Lore, Lore - - -!
nter den blühenden Bäumen kniet die Vroni im feuchten Gras.
"Jetzt muß er fort - heilige Mutter, beschütze ihn!"--------------------------------------
och hängen die Sterne über den Türmen und Dächern von Admont. In tiefem Schlaf liegen die Häuser und Höfe. Alles ist still, nur die alten Bäume im Marienpark rauschen leise und die Wasser der Enns murmeln. Ist ja so still und breit und ruhig, das grünschimmernde Band der Enns, eingebettet ins weite, blütenduftende Tal.
oll vor Urzeiten alles Land ringsum ein riesiger See gewesen sein, umschlossen vom Kranz der Berge. Bis sich urplötzlich die Wasser einen Weg gebahnt haben. Mit Urgewalt haben sie den steinernen Ring durchbrochen, sind schäumend und brausend aus dem Kessel gedonnert und haben eine tiefe Schlucht gerissen ins kahle, himmelragende Felsgewirr. Die Wände und Kare haben das Zischen und Gurgeln, das Singen und Sausen aufgefangen und in vielstimmigem Echo widergegeben; es wurde zu einer gewaltigen, die ganze Schlucht erfüllenden Symphonie der ewigen Allmacht, Größe und Kraft der Natur.
auhe, wildverwegene Jäger und Hirten mögen wohl die ersten gewesens ein, die sich über donnernden Wasserfällen, durch Geröll und steinmassen, durch wildes Gestrüpp einen Weg gebahnt haben. Sie mögen zu ihren Göttern gebetet haben, wie sie das Singen und Sausen, das Pfeifen und Orgeln im Gewänd gehört haben.
ls das erste Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung zu Ende ging, hat Gräfin Hemma das Stift gegründet, im Tal von Admont, vor dem Eingang in die singende Schlucht, die man das GESäUSE nennt.
eute ist rings um den wuchtigen Bau des Klosters ein schmucker Markt. Aber die Enns braust heute noch genau so wild und schäumend durch das Engtal und die Felswände singen immer noch ihr altes, geheimnisvolles Lied.
urch die nachtstillen Straßen von Admont fällt der schwere Tritt grober Nagelschuhe. Der frühe Wanderer scheint es nicht eilig zu haben - in geraumen Abständen hallen die Schritte auf dem Pflaster.
st es ein alter Mann? Oder Einer, den ein langer Weg müde gemacht hat? Oder ist es Einer, der unschlüssig ist, welchen Weg er gehen soll?
ch, der Engl denkt gar nicht über das wohin - er geht eben irgendwohin; es ist ja alles so gleichgültig. Ein dicker, roter Striemen läuft vom linken Auge schräg über das Gesicht bis zum rechten Ohr. Es brennt wie die Hölle. Aber was tut das? Lore hat in den kurzen Augenblicken unter dem Rosenstrauch sein Herz angezündet - das brennt noch viel, viel mehr!
ie war es denn nur möglich, daß man all die Zeit nebeneinander her ging, ohne sich zu beachten? War Lore nicht immer nur ein trotziges, eigensinniges, kleines Kind gewesen? Ein Kind, das man zuweilen neckte und reizte, bis es mit den Füßen stampfte und vor Zorn weinte! Wegen der roten Haare! -
nd nun? - Der Engl kann nicht denken, was nun werden soll. Er merkt es gar nicht, daß er schon an den letzten Häusern vorbei ist, mechanisch setzt er Fuß vor Fuß. Sieht nur das Gesicht der Lore vor sich, spürt den kleinen, blutenden Finger an seinen Lippen und wieder überkommt ihn ein Gefühl, daß er jauchzen und weinen zugleich möchte.
angsam verblassen die Sterne. Die Hallermauern heben ihre Häupter ins erste Morgenlicht. Der Engl merkt es nicht.
"Lore - liebe, liebe Lore--" murmelt er vor sich hin.
anz benommen streicht er sich über die Stirn. Ein jäher, brennender Schmerz läßt ihn auffahren. Wie ein Erwachender schaut er um sich. Die dunklen Wälder, darüber die kahlen Felsen, sie sind ganz nah an das Sträßlein gerückt; und daneben gischtet die Enns - fein sprühende Tropfen kühlen sein heißes Gesicht. Er wendet sich um. Aber Admont ist noch verhüllt von den dämmerigen Schatten der schwindenden Nacht - nur die Türme des Stiftes heben sich weiß und hell aus dem Nebel; sie sehen unendlich ferne aus. Das Sonnlehen haben längst die Bäume verschluckt. Lore - leb wohl, Lore...
r sieht an sich herunter. Was soll denn nun werden? Da steh ich nun - hab nichts, als meine Lederhose, mein Lodenjöppel und die Nagelschuh. Sogar der Hut mit den Gamsveiglein ist am Sonnlehen geblieben. Irgendwo in einem Winkel des Obstgartens. Dort, beim wilden Rosenstrauch...
er Vogel hat sein Nest - das flüchtige Reh im Wald sein Lager - der Fuchs seinen Bau - ich hab nichts. Gar nichts.
eine Heimat, keine Mutter, keinen Freund. Wer bin ich eigentlich? Meine Mutter ist tot! Und mein Vater? Was ist er? Wo?
aß und Zorn freßen sich schmerzhaft in seine Brust. Warum nur habt ihr mich in die Welt gesetzt und mich dann verlassen? Wozu? Unter Schlägen und Schimpfworten hat man mich von Tür zu Tür gestoßen - und nun, da endlich das Schlimmste vorüber schien - nun wird man mit der Peitsche bei Nacht und Nebel vom Hof gejagt! Warum? Was hab ich denn eigentlich getan? Warum mußte die Lore da draußen stehen, in der mondhellen Nacht unter den alten Obstbäumen? Ich hab nichts Schlechtes getan - Lore hat sich an mich gelehnt, ihr Haar, das so nach Sonne und Wald riecht, war so nah an meinen Wangen - ihr Blut hat meine Lippen genetzt - und das war schön wie im Himmel! So schön, daß man hätte lachen und weinen können - aber das war alles! Ist das denn so schlecht? Ist denn das alles Wirklichkeit?
ber er Steht dort, wo die Enns als milchiger Schaum über Felstrümmer und Steinmassen donnert und hat einen brennenden Streifen im Gesicht. Also muß es wahr sein. Brennender Haß und erwachte Leidenschaft ballen ihm die Hand zur Faust: diesen Hieb wirst du büßen, Sonnlechner! Die Lore wird mein sein und wenn ich dich mit deinem eigenen Gewehr erschießen müßt!
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"Gehn ma!" sagt der Breitler Wastl, der Meister von der "Paß" am Gamsstein. Es ist Samstag mittag und er und seine sieben Männer haben die ganze Woche im Holzschlag gewerkt. Er steckt ein bißl schneller als sonst seine Gewohnheit ist, die leere Schmalzbüchsen und das Leinensackl fürs Mehl in seinen schmierigen Buckelsack. Dann wartet er an der Hüttentür, bis alle sieben hinausgepoltert sind und schiebt dann den hölzernen Riegel vür. Er ist nimmer der Jüngste und schwer und bedächtig in seinen Bewegungen. Aber heut hat er es eilig, der Julitag ist heiß und wolkenlos - seina Alte daheim wird das Kreuzwiesel gemäht haben und da muß er schauen, daß er heimkommt. Da sie alle den gleichen Weg haben, stapft einer hinter dem andern das schmale Waldsteiglein hinunter. Ziemlich schweigsam, denn jeder ist in Gedanken schon unten im Tal, bei seiner Heuarbeit, bei Weib und Kindern.
ind nur zwei dabei, die noch nicht unter dem Ehejoch schnaufen - der Michl mit seinen listigen äuglein und dem strohgelben Haarschopf - und der Engl, der seit Frühjahr bei der Paß ist. Dem Michl wärs um einen Diskurs, aber mit den Männern da vorne ist heut nichts anzufangen. So probiert ers halt mit dem Engl. Der geht als Letzter in dem Zug und schaut finster auf den Boden.
"Was tust nachher du übern Sonntag?" "Nix Bsonderes." Mit dieser Antwort ist der Michl nicht zufrieden. "Zu welcher gehst denn, ha? Die muß aber sakrisch hoch obn sein, weilst glei wieder aufi rennst in d'Höh, wann dir der Krammer in Johnsbach d'Schmalzdosn und 's Mehlsackl angfüllt hat! Nit amol a Glasl Bier trinkst! Derlaubts dir's epper nit? - Bua, des muaß a Harbe sein!"
r blinzelt im Gehen dem Engl zu. "A gute Handschrift hats a!" Er deutet auf die Narbe in seinem Gesicht, die wie ein roter Strich vom linken Auge zum rechten Ohr hinzieht und sich hell von der sonnenbraunen Haut abzeichnet. Dem Engl steigt das Blut in die Schläfen. "Red nit so blöd!" herrscht er den Michl an. Der lacht nur glucksend und schwatzt munter drauf los. Der Engl gibt ihm keine Antwort. Zornig stampfen seine Füße über den weichen Waldboden, daß die Farne am Wegrand zittern.
er Hochwald ist zu Ende, hier biegt der Karrenweg ab, über eine Blöße führt er langsam bergan zu den Sennhütten auf der Hochalm. Die sechs älteren Holzknechte rumpeln schon den Hohlweg hinunter, dem Tal zu. Ihre eisenbeschlagenen Schuhe klicken hell gegen die Steine.
n der Wegbiegung, wo der schmale Waldweg in den breiteren Fahrweg einmündet, steht ein alter, knorriger Laubbaum, vom Blitz gespalten, vom Sturm gekrümmt, vom Wetter grau und rissig. Der Michl bleibt stehen und hält den Engl am ärmel fest.
"I geh da umi" sagt er und deutet hinüber auf den grünen Almboden, wo man ein paar Sennhütten sieht. Die Steine, die die Hüttendächer beschweren, leuchten weiß in der Sonne.
utraulich grinst er dem Engl ins Gesicht. "Du, i wissert dir ane - is a saubers Mensch, sag i dir. Alls fest und kernig und gut beinand. A Rahmkoch kriegst bestimmt und wannst nit so zwider dreinschaust, vielleicht sonst a noch was -"
"Leck mi!" brummt der Engl grantig und reißt sich los. Mit kugelrunden, verständnislosen Augen schaut ihm der Michl nach. Aber der Andere ist schon im Hohlweg verschwunden. Eine Weile hört man noch das Klirren von Eisen gegen Stein, das mählich schwächer wird. Dann ist es wieder still.
er Michl schupft die Achseln. "Der spinnt!" stellt er fest. Dann geht er, ein Liedel pfeifend, zur Alm hinauf, zu seiner Resl.
Fortsetzung Kapitel 7!