ergnot - Kapitel 9

s ist kein überirdisches Wesen, das ihm im Hausflur plötzlich gegenübersteht und die kleine, leise Stimme, die da fragt, wer da sei, ist nur eine gewöhnliche Mädchenstimme. Er erschrickt gar nicht, schaut nur abwesend ins Leere. Ein schwaches Licht flammt auf, da steht die Vroni im geflickten Stallkittel, den Melkeimer in der Hand.

angsam hebt sie die trübe Laterne und schaut zu ihm auf, in sein weisses Gesicht, in dem nur die Augen gross und gefährlich brennen.
Ein leises Rot steigt ihr in die Wangen.
"Engl..." ganz leise hat sie seinen Namen geflüstert. Ach, es ist ja nur die Vroni. Er wendet sich ab von ihr, will weiter. "Engl..." sagt sie nochmal leise, angstvoll, bettelnd... Er schaut nochmal um, bleibt zögernd stehen, einen Augenblick lang umfasst sein Blick ihr sommersprossiges, unschönes Gesicht, ihre eckige, reizlose Gestalt - und hat eine Sekunde lang den unklaren Wunsch, sein Gesicht an ihre Brust zu lehnen und zu weinen - ihr Herz schlagen zu hören und ihre rote, rauhe Hand auf seinem Haar zu fühlen.

ber dann lacht er laut und zornig auf.
"Sei still" bittet sie erschrocken, "komm, bevor dich jemand sieht". Sie zieht ihn mit sich und er folgt ihr gegen seinen Willen. In der Futterkammer hängt sie die Laterne an einen rostigen Nagel und bleibt unschlüssig und verlegen an der Tür stehen. Sie weiss nicht, was sie mit ihm hier anfangen soll, sie fühlt nur, dass sie ihn jetzt nicht fortgehen lassen darf, ohne ein gutes Wort - aber sie findet den Anfang nicht. Er hat sich auf die Truhe mit dem Hühnerfutter fallen lassen, merkt erst jetzt, wie müde er ist.

ie krampft ratlos die Finger ineinander, heimlich betend: "Schmerzhafte Mutter, hilf ihm... wenn ich ihm doch helfen könnt! - Wie gern tät ichs... aber er denkt ja nur an die Lore - und was könnt ich schon für ihn tun?"

ie weiss nicht genau, was gewesen ist, aber sie fühlt es, nun hat der Engl endlich merken müssen, wie das mit der Lore ist...
"...ich hab's gewusst..." sagt sie still vor sich hin.

er Engl sitzt still auf der Truhe und rührt sich nicht. Sein braunes Haar hängt ihm in zotteligen Strähnen in das vor Müdigkeit graue Gesicht.

nd weil der Vroni nichts beseres einfällt, murmelt sie wieder: "...Schon immer hab ichs gewusst...". "Was?" Er hebt den Kopf und schaut sie finster und böse an. "Was hast gewusst?" Sie sucht verlegen nach einer Antwort und weicht seinem düsteren Blick aus. Bezwingt dann ihre Unruh und schaut ihn fest an: "Dass du kommst..." Er springt auf, packt sie an den Schultern und schüttelt sie grob hin und her; schreit unbeherrscht: "Und dass die Lore nur gespielt hat mit mir, dass ich grad gut genug war, wenn ihr schöner Bertl nicht da war..."

r spuckt angeekelt in den Winkel. "Dass sie mich vor allen Leuten hingestellt hat als einen schlechten, gemeinen Hundling, der ihr die Ehre nehmen wollt' ..." Wieder stösst er ein krampfhaftes Gelächter aus, das wie ein verzweifeltes Schluchzen klingt.

ie Vroni zittert unter seinem wütenden Griff, aber sie wehrt sich nicht, flüchtet nicht. "...dass sie mir mit ihrer falschen Lieb den Verstand geraubt hat, dass sie mich zum Wahnsinn treibt, zum Verbrecher macht... das alles hast gewusst, ja?"

ie spitze Steine sind die bösen Worte auf ihr Herz gefallen. Aber sie drängt die Tränen gewaltsam zurück, drückt ihn wieder auf die Futtertruhe und setzt sich neben ihn.
"Das darfst nit sagen", verweist sie ihn sanft und da er wieder auffahren will, legt sie ihren Arm auf seinen ärmel, schluckt ein paarmal und sagt mühsam: "Die Lore hätt es dir früher sagen müssen, aber sie hat dich halt gern und drum hat sie's immer hinausgeschoben. Wird sich gedacht haben, es muss sich ein Ausweg finden. Sie muss ja den Kaltweiner heiraten, wenn der Sonnlechner am Hof bleiben soll. Der Viehhändler hat seine Hand drauf, der Sonnlechner kann sich nimmer rühren - und wenn die Lore "ja" sagt, will er den Schuldschein zerreissen... sag selber, muss sie's da nit tun?"

indringlich hat sie gesprochen, will ihm aus Liebe und Mitleid glauben machen, was sie selbst nicht glaubt... Noch nie in ihrem Leben hat die schüchterne, stille Vroni so viel und so überzeugend geredet.

"--- und sie hat ihn bestimmt nit gern, glaub mir's, Engl, sie tut's nur dem Vater zulieb, aber gern hat sie ihn nit." Er schüttelt den Kopf, das Wilde in seinen Augen ist stiller geworden. Nimmt ihre Hände und legt sein Gesicht hinein. "Vroni - " stöhnt er gequält, "du meinst es gut, aber es ist nit wahr! I hab g'meint, dass sie mi gern hat, aber sie hat mir nur ihren Körper gegeben, nie ihr Herz - oh, du... mir graust!"

ann schämt er sich wieder, dass er sich vor der Vroni hat gehen lassen - wozu muss die alles wissen? Dass sie es dann der Lore erzählt und sie zusammen über ihn lachen?

nvermittelt springt er auf: "I geh jetzt."

r ist schon an der Tür. Die Vroni hängt an seinem Joppenzipfel und bettelt: "Tu nichts Schlechtes, Engl, tu nichts Schlechtes...".

r reisst sich los, springt ohne Gruss hinaus in den nebeligen Herbstmorgen, den Hügel hinunter, der Enns zu.

nd die Vroni steht noch immer in der Futterkammer und die Tränen rinnen ihr unaufhaltsam über die Wangen, tropfen auf ihre gefalteten Hände - und wohl dutzendmal wiederholt sie: "...tu nichts Schlechtes - nur nichts Schlechtes..."

äh und unvermittelt hat das Wetter umgeschlagen. Die sonnengoldenen Spätherbsttage sind vorbei - grau und düster ist das Bergland und ein eiskalter Wind peitscht die kahl gewordenen Bäume. Gegen Abend fängt es zu schneien an, auf den Feldern bildet sich rasch eine nasse, matschige Schneeschichte. Nur auf der Strasse und den Fahrwegen ist es noch braun vom breiigen Lehm. Bald wird es Winter sein.

m Donnerwirtshaus in Johnsbach hocken so sieben, acht Mannsleut um den schweren Tisch neben dem grossen Kachelofen. Es sind immer die gleichen, die da saufen, lärmen, die Fäuste auf den Tisch dreschen und erst hinausschwanken, wenn der letzte Kreuzer aus dem Hosensack ist.

ager, Bauernburschen und Holzknecht - und der da am lautesten schreit, am wildesten auf den Tisch haut und die blanken Silberbatzen am öftesten springen lässt, ist der Engl. So lang, bis auch nicht ein Heller übrig ist. Dann stösst er den Stuhl polternd zur Seite, schiebt den Hut in den Nacken und stelzt breitbeinig aus der Tür. Und geht zu irgend einem Kammerfenster - heut und morgen zu einer Bauerntochter, in vierzehn Tagen zur Saudirn.

inmal, am Steinbauernhof, ein andermal beim Krahberger und 's nächstemal beim Oberbichler. Wie's ihm grad einfällt. Dann wieder einmal verschwindet er auf ein paar Tage, ist auf einmal wieder auf seinem Platz bei den Holzknechten und holt in zwei Tagen ein, was er in vier versäumt hat. Der Jager Toni hat einen Viechszorn, weil aus seinem Revier die schönsten Stückeln verschwinden...

ach Martini fängt bei den Bauern die Lichtarbeit an, die Weiber gehen mit ihren Spinnradeln bald auf den einen, bald auf den anderen Hof. Die Männer kartätschen die Schafwolle zu grossen, weichen Fladen, auf der Ofenbank schnitzelt der ähnl an den Spanscheiteln. Die Petroleumlampe russt und auf dem Tisch steht die Schüssel voll Kletzen und äpfel. Und die Weiberzungen haben es nicht weniger eilig, wie die surrenden Spinnräder.

"Schamen tat i mi", kepelt die Brandl Seferl, "schamen in 'n Bodn eini! Aber des ausgschamte Luadermensch macht dem Falloten sogar in der Kirchn schöne Aug'n! Wo sie's eh woass, was er für oaner is! Auf d'Nacht busseln's beim Gartenzaun, dass 's a jeder sehgn kann - und in der Nacht steigt er dann zu aner andern eini!"

"Zu mir, wenn er kamat," benzt die Eschinger Zenzl zornig, "i hauert'n mitsamt der Loatern abi von mein Fenster...". "Jaaa--" sagt der Naz hinten und schaut von seiner Kartätschen weg auf der Zenzl ihre spitzige Nase und ihren zahnluckerten Mund - "Jaa, - WANN er kamert - göl?"

ie Dirndln stecken ihre Köpfe hinter ihre Wollschüppel und Flachssträhnen und verbeissen das Lachen... sie kann ja nix dafür, die Zenzl, dass 's so schiach is - aber der Engl hat a saubere Stalldirn lieber wie a schiache Grossbauerntochter...

ie Zenzl fährt mit der Hand wütig in die Schüssel am Tisch und langt sich eine dürre, harte Kletzen heraus. Haut sie dem Naz in das grinsende Gesicht und schimpft: "Halt du dein dreckigs Maul, du..."

"Vergöltsgott" sagt der nur, wischt die Kletzn umständlich an seinem roten Schneuztüchel ab und beginnt zu kauen. Die Zenzl schiesst einen giftigen Blick zu ihm hinüber, aber weil sie sich mit dem schlagfertigen Naz nicht anbändeln traut, muss sie ihre Gall wo anders los werden. Drum dreht sie sich zur Oberfeuchtner Burgl hinüber und zischelt: "Na, was tatst nachher du, wenn er's probierert bei dir?" Die Weiberleut schauen lauernd zur Burgl hin - es ist doch da einmal gemunkelt worden...

ie Burgl hat an ihrem Radl was zu richten, die Schnur ist herausgesprungen. "Luderzeugs" schimpft sie und beugt ihr Gesicht nah über das widerspenstige Spinnrad. "Zu dir kimmt er epper eh nimmer", lässt sich wieder der Naz vernehmen. Die Bernreiter Mena macht dem Dischkurs ein End, bevor die Reihe an sie kommt - sie hat eine schöne Stimme und fangt an: "Wo i geh und steh ..." und alle fallen ein: "Da tuat mir 's Herz so weh ...." und damit ist für heut wieder Frieden. Aber wenn sie dann wieder wo anders beisammen sitzen, hat der Engl schon wieder was Neues angestellt und sie schimpfen und möchten ihm die Augen auskratzen - und machen ihm halt dann doch das Fensterl auf, wenn er anklopft...

er Jager Toni ist in heller Aufregung.
Völlig zum Schlafen hat er nimmer Zeit. Herrgott, wann nur die Gamsjagd schon vorbei wär!

ber seit der verteixelte Wilderer in seinem Revier umgeht, hat er keine ruhige Stund mehr. Schier Tag und Nacht hockt er oben auf seinem Hochsitz, schaut durch seinen Gucker und passt. Aber es ist alles mauserlstad, dass einem ziemt, es kann ja gar nichts passieren. Und wenn ihn dann die Kältn heruntertreibt und er kaum aus dem Wald draussen ist, tuts einen Bumser! Himmelsakra, dem Jager gibts einen Riss, er rennt keuchend zurück, aber er findet nichts, als eine kurze, schweissige Spur, die im Jungholz aufhört. Und die Schandarmen mit ihren Hunden finden auch nicht mehr.

nd in einer Woche kommt der Herr Graf zur Gamsjagd. Sind soviel Gemsen im Revier, dass es eine Freud ist. Ist es da ein Wunder, wenn der Toni nimmer Zeit hat zum Essen und zum Schlafen? Wenn er immer durchs Revier schleicht und auf seine Gemsen aufpasst?

s ist nichts zu machen jetzt mit ihm, man darf ihn gar nicht anreden. Jeden schnauzt er grob an in seiner Aufregung - und wehe, wenn er ein altes Weibel beim Holzklauben erwischt! Das tät noch fehlen, dass ihm so eine Schachtel das Wild verscheuchen tät!

ber die Tage gehen herum und im Revier bleibt es still. Die Gemsen versuchen gar nicht, auszubrechen und von einem Wilderer keine Spur. Auch sonst kommt ihm niemand in die Quere. Fürchten ihn halt, den Toni; und morgen kommt der Graf.

m Spätnachmittag wirft sich der Jager Toni in seine beste Wichs. Die grünen Pumphosen, den Janker mit den Hornknöpfen - am Rockaufschlag blitzen die silbernen Eichenblattl und am Hut steckt der grosse Gamsbart.

s ist alles in Ordnung. Die Treiber und Jagdhelfer sind verständigt und der Wilderer traut sich nimmer herfür. Hat auch höllisch aufgepasst, der Toni. Wär ihm um ein Kügerl nit leid gewesen, wenn ihm der Kerl vors Rohr gekommen wär! Aber der hat halt doch Angst kriegt... Und jetzt macht sich der Toni auf den Weg nach Trieben, seinen Jagdherrn, den Graf Hunsfeld abholen.

ird der eine Freud haben!

n seiner Reviergrenze bleibt er nochmal stehen.
"Heiliger Sankt Hubertus, pass mir derweil auf meine Gams auf". sagt er und zugleich: "Bluatsakra, wanns wem einfalln sollt, a nur mit ein' Haxn ins Revier einer z'steign, den soll der Teifl holn!"
Nachdem er so seine Gams dem Himmlischen und den Wilderer dem Höllischen anvertraut hat, geht er.

ei den Holzknechten, Senninnen und Almleuten sind die Jäger nicht sehr beliebt. Die Jäger im Allgemeinen und der Toni im Besonderen. Ist auch gar so ein Zwiderer, der Toni. Möcht am liebsten bei den Holzern die Hacken- und Krampenstiel untersuchen, obs nicht vielleicht losgehen - und den Senninnen tät er seinen Wildzaun gar vor die Hüttentür stellen, damit das Vieh nicht mehr herauskann und am End in seinem Revier herumglöckelt... Ja, er nimmts verdammt genau, der Toni, besonders in der letzten Zeit - und ein Guter ist er nie gewesen. Drum mögen sie ihn alle miteinand nicht leiden.

ber heut denkt er nicht daran. Er muss fest ausgreifen, der Weg über die verlassenen Almen einsamen Höhen und durch schweigende Wälder bis Trieben ist weit - aber er würde es sich nicht nehmen lassen, seinen Grafen selber abzuholen...

em Steinriegler seine Huben ist einschichtig und verlassen. Mit ihren steilen, steinigen Bergwiesen liegt sie abseits von den Wanderwegen und Touristensteigen und ganz selten verirrt sich jemand hierher. Da hat der Steinriegler sein Jungvieh oben, auch über den Winter. Und die Veverl mit ihrem halbwüchsigen Dirndl betreut es.

rüher, wie die Vev selber noch ein junges Dirndl war, sind wohl öfter einmal die Burschen herauf in die Huben - aber die Vevi hat keinen hereingelassen. Nur wenn ein Wilderer keuchend und schwitzend Einlass begehrt, dem macht sie auf, ohne ein Wort zu reden. Und wenn auch die Jager und Schandarmen ihren Stall, Stadel und Wohnraum auf den Kopf stellen, sie finden nichts. Die Veverl redet nicht viel, zuckt nur die Achseln und weiss von nichts. Da geben sie's auf und sie bleibt mit ihrem Dirndl und ihren Kalbeln wieder wochenlang allein.

ie Nacht breitet schon ihren schwarzen Mantel über die einsame Huben, da klopft einer an die kleine Fensterscheibe. "Vev?" Die Vev tut einen kleinen Spalt auf, das Talglicht flackert und russt. Aus dem Dunkel hebt sich unklar die Gestalt eines Mannes. Er legt beide Hände auf das niedere Fenstersims. Ohne Rucksack, ohne Stutzen, ohne Gams auf dem Buckel...

"Was willst?"
"Lass mi einer, hab was z'redn mit dir!"
Der Engl muss sich tief niederbücken unter der Tür. Er hockt sich breit auf die Bank neben der Feuerstelle und spreizt die Beine weit in die Stube. Die Vev schiebt den Riegel für und der kleine Fensterladen schliesst sich mit leisem Knarren. Auf der Pritsche unter den wollenen Kotzen schläft das Dirndl. Der Engl schaut gar nicht hin. Die Vev rückt das Licht näher und wartet. Der Engl kratzt sich hinterm Ohr:
"Kennst mi?"
Ernst und ruhig schaut ihn die Vev an. "Wohl - " nickt sie.
"Hast a Schneid?"
"Wanns not tuat!"
"Kannst s'Mäul halten?"
"Mein' schon!"
"Selm is 's guat."

ine Viertelstunde später hat die Vev ihren lodenen Kittel und ihre grobgenagelten, schweren Schuh an, schaut kurz auf das schlafende Dirndl, löscht die Kerzen aus und dann knarrt ein wenig die Tür. Eilige Schritte in der Dunkelheit - dann ist die Hube still, einsam und finster wie zuvor.

Fortsetzung Kapitel 10!