in Blick hinter die Kulissen

ie bereits Prof. Heinrich Uray in seiner Laudatio ausgedrückt hat, ist es Martha Wölger durchaus nicht in die Wiege gelegt worden, daß sie eine Dichterin werden würde. Aber in der Abgeschiedenheit des Freingrabens lernte sie schon früh, die Natur zu beobachten, zu schauen, zu fragen und zu begreifen. Und es ist wohl eine Gabe, Erlebtes, Erfühltes und Geschautes in Worte zu kleiden und dichterisch aufzubereiten.

ber dennoch ist "dichten" keine "Arbeit", die man nach Stundenleistung bemessen könnte. Zumeist war der Auslöser für ein neues Werk durch die Auseinandersetzung mit einem Thema gegeben. Martha Wölger hatte immer einen Bleistift oder Kugelschreiber bei sich, sowie Schmierzettel irgendwelcher Art. Kamen ihre Gedanken dann in Fluß, so notierte sie diese gleich oder bereits kurze Zwei- oder Vierzeiler. Vieles kam wieder ins Stocken und wurde gleich vernichtet. Manches nahm zwar Gestalt an, aber sie war mit dem Ergebnis nicht zufrieden - das kam dann in eine eigene Mappe "Verpatztes", vielleicht, um es später neu zu überarbeiten. Zuhause, abends, wenn die Kinder schliefen, fand sie die Zeit, diese Schmierzettel zu überarbeiten, zu ergänzen, zu ändern, auszuschmücken und zu verbessern. Der folgenden Handschrift Martha Wölgers sieht man diese gedankliche Arbeit, diesen "Entstehungsprozeß" an:

rößere Ansichten öffnen - so es von Interesse sein sollte - in einem eigenen Fenster.

 

 

in Reinschrift:

Bocksbart

A Goaßbock hot
sein Boart verlorn.
A gelbe Blumen is draus worn.
Is grad so schön wia andre Blüah.
und moant
und nit amol da Gruch verrot'
wer do sein Boart verlorn hot.
Wann gach mein Monn
sein Boart verliert
wos eppa draus für Pflanzn wird?

der, wie auf dieser Karte, die auch einmal als Schmierzettel diente:

 

in Reinschrift:

In Jänner frißt der Ofen viel,
der Februar treibt sein Noarngspiel
in Mirz fangt d'Hosl an zan staubn,
April - in Wetter derfst nix glaubn.
Der Mai mocht Goabn und Leitn blüahn,
der Juni muaß in Schauer wiahrn.
im Juli hoche Summerzeit,
mit Ferien und Urlaubsfreud.
August voll Hundstogshitz - und doh:
A bißl nimmt da Tog schon o'.
September, der koa Rostn kennt,
er gibt und schenkt mit volle Händ.
Und der Oktober? Hirbst is holt
is neama hoaß und noh nit kolt.
a guate Zeit, so stad und lind,
für'd olte Moahm und s' kloane Kind.
bis der November d' Sunn verjeikt -
der Regn follt, der Nebl steigt,
der Reif die letztn Blüah verbrennt,
schon is's Dezember und Advent.

So kloan der Tog, so finster d' Nocht,
wos hiaz a oanzigs Liacht ausmocht.
A Joahr is kurz, a Joahr is long,
es gibt und nimmt und geht sein Gong.
12 Monat wölln dih nohmol grüaßn,
sie hobm dir gebn und nehma müassn.
So denkst und dankst beim Kirznschein,
wia lang, wia kurz a Joahr konn sein.

ar sie dann mit dem Rohentwurf zufrieden, setzte sie sich an die Schreibmaschine und tippte das Manuskript ab. Aber auch da gab es noch händische Korrekturen und Verbesserungen.

artha Wölger lernte in der Schule noch die Kurrentschrift, wie dieses alte Gedicht mit einer Zeichnung von ihr, verdeutlicht:

 

in Reinschrift:

Ich steh wie eine Pappel
allein auf weiter Flur;
und fühl von Lenz und Liebe
auch nicht die kleinste Spur!
Bleibt mancher bei mir stehen,
und mehr noch gehn vorbei;
man lobt mich und man tadelt - ...
esist mir einerlei,
ob sich ein zarter Schwärmer,
in meine Nähe setzt -
ob sich ein frecher Sperling
an mir den Schnabel wetzt!
Wer wird mich denn erlösen
aus meiner starren Ruh?
du kannst es ja versuchen,
ich wünsch' dir Glück dazu!
Tut's trotzdem nicht gelingen,
so, wie du es gewollt -
so denk: schön wärs gewesen,
doch hat's nicht sein gesollt!

Gußwerk, im Dezember 1945
M.Goldgruber

 

 

päter hat sie sich dann die heutige Schreibschrift mit kleinen Kurrent-Relikten angeeignet, weil wir Kinder und wohl auch ihre vielen Brieffreunde zunehmend Schwierigkeiten mit der Kurrentschrift hatten.

in Reinschrift:

Mei aufgloahnte Ebn
mocht a müahsaligs Lebn
sogar d Würm in mein Goartn
hom mi'n Erdbodn, den hoartn
eah Gfrett und eah Gscher
viel z'trucka und z'sper!

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Wann i irgendwo lebert,
wos koa Zeitung nit gebert
wo koa Radio plärrt
und koa Fernseher stört
wo ma koaner vazöhlt
wos so gschiacht in da Wölt
und i wa gonz alloan
aft kunnt i wohl moan

er Weg bis zum fertigen Buch war aber noch weit und mühsam!