ie wird man eine Dichterin? Aus der Laudatio von Prof. Dr. Heinrich Uray anläßlich der Rosegger-Preis-Verleihung in Graz, am 28.1.1972

rau Martha Wölger aus dem Freingraben bei Mariazell ist es bestimmt nicht an der Wiege gesungen worden, daß sie einmal eine im ganzen Land und schon darüber hinaus bekannte Mundartdichterin werden würde. So sehr sich ihre leider schon verstorbenen Eltern, der fleißige Holzarbeiter Pius Goldgruber und seine Ehefrau Klara später über die Erfolge freuten, so wenig waren sie anfangs von den poetischen Neigungen erbaut, denen ihre Martha schon in der Hauptschule huldigte. Temperamentvoll schildert die Dichterin später diese Widerstände:

"Bin noh a Schulerdirndl gwest,
hot d'Muatta mit mir greint:
'Hiaz oarbat wos, du woaßt, i bin
dein Büachlhucka feind!'
Und ah da Vota hot harb gschaut,
es ärgatn grad wia!
'So kannst da nia dein Brot vadean,
mit Tintn und Papier!' "

un, an einen Erfolg aus ihrer Feder konnte sie auch nicht denken, und so wurde sie erst Bäckereigehilfin, dann Stütze der Hausfrau und schließlich Krankenschwester, zunächst in der Steiermark, und während des Krieges in Berliner und Hamburger Lazaretten, wo sie im wahrsten Sinn des Wortes "der Menschheit ganzen Jammer" kennenlernen und erdulden mußte.

ach dem Krieg noch im Grazer Grabenlazarett als Rotkreuzschwester tätig, fand sie dort den Mann ihres Lebens, den Gärtner Otto Wölger, der infolge einer Kriegsverwundung den Beruf nicht mehr ausüben konnte.Mit ihm zog sie nach Haus im Ensntal und dann nach Hall bei Admont, wo sie mit ihrer Familie auf dem sogenannten Sonnberg ein kleines Blockhaus bewohnt, mit dem herrlichsten Blick auf die Admonter Bergwelt.

as bedeutet aber auch Einsamkeit und harte Arbeit.

ls unsere Dichterin im Jahr 1957 im Heimatsaal einem zahlreich erschienenem Publikum und den Vertretern der Presse vorgestellt wurde, existierten lediglich die ersten Lyrikbändchen "Dahoam" und "In da Oanschicht". 1963 schloß sich daran "Unser liabe Frau", ein Marienleben in steirischer Mundart. 1964 folgte das bisher umfangreichste Buch "Obersteirischer Hoamatkalender" und 1970 "Fuchs Rotrock, der steirische Reineke", ein Werk, das vom Unterrichtsministerium kürzlich in die Staatspreisliste wertvoller Jugendliteratur aufgenommen wurde.

ieses 5. Mundartbuch Martha Wölgers ist eine sehr reizvolle Nachdichtung des Goetheschen "Reineke Fuchs", in der die 12 Gesänge des Tierepos zu acht "Gschichtn" verkürzt sind. Die letzte "Gschicht" hat die Dichterin selbst erfunden, wie denn überhaupt bei Belassung äußerer Fakten so manches, was bei Goethe nur angedeutet wird, im "Rotrock" Martha Wölgers liebevoll ausgestaltet erscheint.

er Hexameter, wohl einer der Hauptgründe, weshalb Goethes Epos nicht wirklich volkstümlich werden konnte, ist nun dem vierhebigen Vers in Reimpaaren gewichen, den schon das spätmittelalterliche Original der plattdeutschen Fuchsdichtung zeigt, ein Vers, der neben der Versetzung der Handlung in die heimatliche Umwelt und Sprache, sogleich den Kontakt mit dem steirischen Leser, und man kann wohl sagen, mit jedem Leser des bayrisch - österreichischen Dialektgebietes herzustellen vermag.

ie frei erfundene "achte Gschicht" ist in mehr als einer Hinsicht bemerkenswert. Sie ist nicht nur ein genial zu nennender Abschluß der mannigfachen Streiche und Abenteuer des schlauen Fuchses, sie zeigt auch die für die Verfasserin typische Grundhaltung des Lyrikers, der alles Geschehen letztlich auf die eigene Person bezieht, selbst wenn er es, wie hier, mit einem epischen Stoff zu tun hat.

asselbe gilt auch für die Balladen in ihrem Werk, die, so geschickt die Ereignisse darin zusammengedrängt erscheinen, am Ende doch wieder die Person der Dichterin selbst als Urheberin des Ganzen in Erinnerung rufen.

"O du verflixta Jagazorn" heißt es am Ende der Ballade "Da Jagazorn" womit die Weiße Waldrebe gemeint ist, und "wann des nit woahr wa, so hätt i's nit gschriebn" versichert uns die Dichterin in einer anderen, in der das Laufen und Hasten der darin vorkommenden Tiere durch den lebhaften Rhythmus des Verses aufs wirkungsvollste ausgedrückt wird.

ie frischeste Lyrik und, aufs Ganze gesehen, wohl auch die innigste, findet sich in den beiden Erstlingen "Dahoam" und "In da Oanschicht" während im "Obersteirischen Hoamatkalender" schon ein mehr bewußtes Künstlertum festzustellen ist. Sehr bewußt gestaltet ist bereits das "Marienleben", das einen ersten Höhepunkt im Schaffen unserer Dichterin bezeichnet, was man vielleicht auch dagegen sagen mag. Denn es ist nicht frei von konventionellen Versen und die Mundart nähert sich zuweilen der Hochsprache, wenn auch zum größeren Teil aus innerer Notwendigkeit. Ausdruck echter und tiefer Gläubigkeit und gleichzeitig Spiegelbild eines innigen Familienlebens erschließt diese Dichtung ihre schlichte Schönheit wohl nur dem ganz, der sie mit gesammeltem Geist und bereitem Gemüt in stiller Stunde zur Hand nimmt.

as Religiöse als eine der Grundkräfte im Leben und Schaffen Martha Wölgers bezeugen eine Reihe von ernsten Zyklen, wie "Die Halign Zeitn", "Da Kreuzweg", "Die steirische Meß", und, in humorvoller Weise, "Die Bau'nhalign", es ist aber auch in vielen Einzelgedichten spürbar.

hre Mundart ist die der Mariazeller Gegend mit etwas Ennstaler Beimischung. Besonders rein und stark fließt der "Quell der Muttersprache", wie man die Mundart mit Recht nennt, unter anderem in dem Zyklus "Da Olmholter", der sozusagen das Herzstück des "Hoamatkalenders", ein eindringliches steirisches Bild und Gleichnis vom Guten Hirten darstellt; ein Beispiel schlichten Dienens, das wohl zum Schönsten und Reifsten von all dem gehört, was die Dichterin bisher geschaffen hat.

an wirft der bäuerlichen Mundartdichtung gerne vor, sie verharmlose und verniedliche das Leben und wiederhole endlos dieselben Motive, vor allem: die Liebe zur Heimat, die Mutterliebe und die Geschlechterliebe. Das mag teilweise zutreffen. Aber wie überall in der Kunst kommt es auch hier auf die Gestaltung an, und gerade häufige Motive sind ein Prüfstein der Bewährung.

erschmäht Martha Wölger auch nicht die schon genannte und viel kritisierte Dreiheit der Motive - und warum sollte sie auch? - ist es vor allem das harte und doch auch wieder geruhsame Leben der Keuschler und Holzarbeiter, das sie unverfälscht und ohne Sentimentalität darstellt. Ganz besonders ist es das Schicksal der Dienenden, der Knechte und Mägde, das sie zur Gestaltung drängt.

ber was ist daneben noch alles an Motiven in ihrem Werk! Da gibt es Admonter Sagen, da sind die Jahreszeiten in den mannigfachsten Variationen, Berg- und Feldblumen in verschiedenster Deutung, da ist der Wildbach, aber auch der regulierte Bach, da ist der abgehauste Bauer, da ist der Pechvogel, aber auch der gemütliche Turmhahn. Wir finden bei Martha Wölger ebenso unbekümmerte Lebensfreude wie die Warnung vor überheblichkeit, das Verbindende der Generationen wie das Trennende, wir erfahren den Uhrenschlag als Sinnbild der Lebensalter und den Wecker als Mahner zwischen Zeit und Ewigkeit.

mmer aber ist es das allgemein-menschliche, um das es der Dichterin geht, und dem gegenüber fällt es wenig ins Gewicht, daß in ihrem Werk kein einziger Traktor, vorkommt und keine Mähmaschine.

och ungedruckt, aber schon durch eine Rundfunksendung bekannt geworden, ist eine Dichtung, der in unserer Zeit besondere Bedeutung zukommt: Unter dem schlichten Titel "A Muatta" ist darin mit großer Offenheit und Eindringlichkeit ein Problem gestaltet, mit dem vor allem Frauen mit mehreren Kindern zu ringen haben.

artha Wölger, Mutter von fünf Söhnen und Töchtern, hat dieses Problem wie im Leben so auch in der Dichtung positiv gelöst und zugleich ein Zeitbild geschaffen. übrigens zeigt schon das Gedicht "Rauhnocht", eine der frühesten Balladen, ein verwandtes Motiv, wenn im Zug der wilden Jagd statt Frau Perchta mit den ungetauften Kindern, in schöpferischer Umformung der Sage, die ungewollten Kinder erscheinen. Da heißt es, nachdem das dämonische Toben geschildert wurde:

"Hiaz is's stad. Van Woldrond her
kimmt a longe Reih daher.
Lauter kloane Kinder sans,
kolt is eah und zittern tans.
Bloße Fuaßerl, weni Gwand,
bloach und müad und schlecht beinand.
Tränen auf die Wangerl drauf,
D'Handerl bittn: Mochts ma auf!
Und da Zug nimmt schier koa End,
ollwei noh mehr kemman grennt!
San denn soviel Kinder gstorbn?
Hom nit glebt und san nit gstorbn!
Unser Muatta hots nit wolln,
daß s' a Kindl hom hätt solln!"

on den Dichtungen religiösen Inhalts zeigt nicht nur das Marienleben das Muttermotiv, sondern auch ein nur im Manuskript vorliegendes älteres Spiel, das in acht dramatisch bewegten Szenen die Enststehung des Gnadenortes Mariazell vor Augen führt. Die geistige Spannung aus der es lebt ist die Auseinandersetzung zwischen heidnischem Aberglauben und christlicher Gläubigkeit.

er Vollständigkeit halber sei bemerkt, daß die Dichterin auch einen Romanm in Hochsprache geschrieben hat, der unter dem Titel "Bergnot" in Fortsetzungen veröffentlicht wurde, ferner eine Erzählung "Der Sohn", die als Buch herauskam und eine Reihe von Geschichten in Zeitschriften und Zeitungen.

ber so einwandfrei sie auch die Hochsprache beherrscht, so ausschließlich liegt ihre Bedeutung auf dem Gebiet der Mundartdichtung.

in neuer, fraulich inniger und zugleich obersteirisch frischer Ton ist mit ihrem Werk in unsere Mundartdichtung gekommen und schon 1955, nach dem Erscheinen ihres ersten Büchleins hat ihr Univ.Prof. Dr. Hans Koren als "einem echten und unverfälschten Talent einen sicheren Weg und eine gute Entfaltung" vorhergesagt.

ie künstlerische Entwicklung Martha Wölgers hat diesem Ausspruch rechtgegeben.

1959 erhielt unsere Dichterin den Förderungspreis der Landesregierung und nun ist ihr Schaffen durch die Zuerkennung des Peter-Rosegger-Literaturpreises gekrönt worden.